wollen, können, sein

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Ich will Klarheit
Ich will Wahrheit
Etwas, das gern bei mir bleibt

Ich will müssen
Ich will wissen
Was mich hemmt und was mich treibt

Du kannst fragen
Du kannst sagen
Was dir durch die Nerven geht

Du kannst zweifeln
Du kannst reifen
Etwas bleibt, das stets versteht

Wir sind Leute
Wir sind heute
Etwas schräg, ansonsten gut

Wir sind Menschen
Glänzen, kämpfen
Was man halt zusammen tut

Der Becher

Der Kollaps erfolgte beim Kokosjoghurtbecher.

Sie hatte nach Rezept gekocht, streng nach Rezept, das hieß vor allem:

Ein Rezept, das ihr gefiel, wechselte so lange in Zusammensetzung, Anteilen wie auch Mengenangaben, bis es ihr schmeckte und mit der originalen Zubereitung nurmehr den Namen teilte.

Sie hatte also das Bananenfladenbrot ohne Bananen gebacken (in der Pfanne statt im Ofen), Falafel mit einer komplett anderen, Gluten-, Fruktose-, erbsen- und auch sonst geschmacksfreien Demeter-Fertigmischung gebraten (in der Heißluft-Fritteuse statt in der geölten Pfanne), den Salat durch ein Glas Leitungswasser ersetzt (premium-levitiert statt aus dem Wasserhahn), derlei.

Nun ging es an die Sesamsoße, in der Kokos- den Sojajoghurt wettmachte, der Sesam die Mandeln, die Acerola die Zitrone und so weiter.

Sie verrührte die Zutaten blind in einer tönernen Schale, brauchte gar nicht mehr hinsehen, was den Vorgang ungemein erleichterte, rief doch das schleimig Rote im Schüsselinneren unangenehme Erinnerungen hervor.

Mit wenigen Griffen umwickelte sie das selbstgebrannte Geschirr (ein Artefakt aus der jüngsten Reha) mit Bienenwachstüchern (eigens gewirkt aus einem ausrangierten, fair gehandelten Pyjama, gemeinsam durchtränkt mit dem Imker ihres Vertrauens aus unmittelbarster Region), verließ damit die Kochnische, die Wohnung, ging die zwei Stockwerke ins schlecht ausgeleuchtete Untergeschoss zur Kühlung der Soße für die nächsten Stunden, öffnete die mangels einer Schließvorrichtung unverschlossene Tür des geizig bemessenen Kellerraums, der kraft des Mietvertrags zur Wohnung gehörte, quetschte sich (der Raum war schmal) gegen ihr exorbitant kostspieliges Lastenrad, welches neun Zehntel des Raums in Anspruch nahm,  versorgte in Bodennähe die mitgeführte Schale in einem Bottich, voll kühlen Sandes und einiger anderer Lebensmittel, der das verbliebene Zehntel ausfüllte, zog die derangierte rostige Kellertür zu, versprach sich auf der Treppe nach oben, zukünftig mehr darauf zu achten, die Wohnung zu verschließen, dann musste auch der Schlüsselbund von außen nicht ständig im Schloss stecken, und kehrte zurück an Herd und Platte.

Es sah nicht wirklich gut aus, dieses Schlachtfeld achtsamer Esskultur, aus gestapelten Tellern, Schüsseln, Töpfen, Messern, auch die bereits fertigen Teile der Mittagsmahlzeit in ein paar Stunden (zufällig schlug es gerade morgens halb zehn in Deutschland) schienen eher wiederaufbereitet denn frisch hergerichtet, indes konnte das auch am Halbdunkel des schmalen Korridors liegen, aus dem die Küche bestand.

Wo es ging, agierte sie bei Tageslicht, um die Kerzen zu schonen und Stromverbrauch generell zu vermeiden, ausgenommen die das ehemalige Arbeitszimmer ausfüllende, für den Gastronomiebetrieb dimensionierte und die Aluminiumscheibe des letzten Ferraris-Zählers im Altbau glühen lassende Umkehrosmoseanlage.

Ein Seufzer ließ erkennen, dass sie sich gerne setzen wollte, aber sie hatte von ihren 10.000 Schritten täglich noch einige Tausend vor sich, weshalb sie begann, auf der Stelle zu trampeln.

Drei, vier Sekunden später ertönte vom Stockwerk unter ihr zuverlässig das mehrmalige Wummern mittels eines massiven Gegenstands gegen den Boden beziehungsweise die Decke, je nachdem auf welchem Standpunkt man trat.

Sie stampfte noch ein wenig heftiger und schneller, bis sie plötzlich innehielt, weil ein bestimmter Gegenstand ihre Aufmerksamkeit auf sich zog:

Neben der Spüle, zwischen Becken und den angehäuften Nahrungsmitteln, harrte ein entleerter Kokosjoghurtbecher seiner Entsorgung.

Erneut seufzte sie, streckte die Linke aus (die Küche war schmal) und hielt den Abfall eines verwendeten Produkts in der Hand.

Sie konnte sich mühelos zur Seite wenden, um kaum den Arm ausstreckend den metallenen, ohnehin kargen Platz verringernden Fünffach-Mülleimer zu erreichen, der zuverlässig trennte zwischen sechs verschiedenen Stoffen (im Deckel selbst gab es sogar ein aufklappbares Fach für Batterien), es war für alles außer Altkleider gesorgt, die wiederum in Jutebeuteln im Keller für welche Mission auch immer neben den gekühlten Lebensmitteln lagerten, im vermutlich elften Zehntel des Mietkellerraums.

Beim Einkauf vor einigen Tagen hatte sie gesehen, dass im Verpackungslos-Laden ihrer Wahl Joghurt verschiedenster Sorten neu im Sortiment war:

Unglücklicherweise gingen ihr in genau diesem Moment die zum Einkauf mitgeschleppten leeren Glas- und Holzbehälter aus, als sie diese unerhört gute Nachricht sah, sodass sie dieses Angebot nicht wahrnehmen konnte, woraufhin sie ernüchtert mehrere Plastikbecher mit Kokosjoghurt aus dem Kühlregal nahm, am Kartenterminal zweimal die PIN falsch eingab und sich den Rest des Heimwegs ärgerte, welchen Artikel sie hätte besser zurücklegen sollen, zugunsten des soeben erwähnten Produkts, was natürlich nicht ging, weil sie alle eingepackten Sachen schon angefasst hatte.

Nun umfasste sie diese unselige Umweltsünde, schämte sich automatisch heftig und drehte lust-, bedenkenlos den geformten, schändlichen Kunststoff.

Welche Unmengen Wasser die Produktion eines einzigen Bechers wohl verbrauchte?

Was für Schadstoffe gelangten bei der Herstellung von so einem Ding überhaupt in die Umwelt?

War dies wenigstens zum Ausgleich in den Gesamtkosten mit eingepreist, denn „Bio“ garantierte mittlerweile keinesfalls immer „Bio“, falls es je absolut nachhaltige Landwirtschaft geben konnte, was konnte man heute eigentlich guten Gewissens kaufen, was noch essen, was nur, was?

Ihr linker Daumen spielte mit einer unteren Ecke des grünblau bedruckten Etiketts, dessen Beschriftung, „BIO-KOKOSJOGHURT“, weiß entgegenprangte, ins Auge stach und den Appetit verdarb, je länger man draufstarrte.

Der Aufkleber löste sich entlang einer Naht oder Kante, die ihr bislang nicht aufgefallen war.

Weniger interessiert denn nervös pulte sie weiter, verlagerte die Druckpunkte der Finger am Becher, benutzte weiterhin einzig den Daumen, stutzte, nahm zögernd die rechte Hand zur Hilfe und vergaß für einige Sekunden zu atmen.

Das konnte nicht wahr sein!

Die Etikette, die Bedruckung, sie klebte gar nicht rundum.

Genau genommen gab es sechs oder acht Punkte, je hälftig an der Naht und auf der gegenüberliegenden Außenseite des Abfallprodukts, an denen die Umhüllung haftete.

Das war es aber nicht, warum kalter Schweiß sie plötzlich überkam.

Das Zeug, auf dem sich Barcode, Herstellerdaten, Werbetext und der ganze andere Schwachsinn befanden, war aus Pappe.

Pappe!

Fiebrig riss sie das eine vom anderen, beglotzte abwechselnd die beiden Puzzleteile, ihre Hände zitterten, ihre Beine zitterten, die Küche erkaltete, sie glitt die Wand entlang, hinunter zu Boden, unverwandt auf die herbeigeführte Trennung starrend, schnaufend, immerhin die Atmung setzte wieder ein.

Was zur – aber warum?

Ihre Rechte zerknüllte beinahe das gekrümmte Rechteck auf der Suche nach einer Antwort:

Das Innere enthüllte beinahe unberührtes Weiß, die farblosen Klebepunkte verrieten nichts, außer dass sie ihrer Aufgabe nicht mehr nachkamen.

Das konnte nicht sein, mittlerweile sollte es für jeden Vollidioten Hinweise geben, Sachen ordnungsgemäß zu benutzen, zu pflegen, zu entsorgen, das war gesetzlich festgelegt, oder nicht?

Es musste irgendwo eine Anleitung stehen, für Durchschnittsbürger*innen, um Wertstoffe zu trennen, es musste einfach!

Sie entkrampfte die rechte Hand, besah sich den bedruckten Karton, wagte kaum andere Bewegungen als die lebensnotwendigen des Brustkorbs.

Unterhalb des langgezogenen Barcodes fanden ihre Augen, was sie befürchtete und herbeisehnte:

Eine mehrfarbige Grafik mit der Überschrift „Tipps für die Tonne: So trennt man richtig“, wo ein stilisierter Becher, der an einen Blumentopf erinnerte, die korrekte Verwertung anschaulich darstellte.

Die abgelöste Papprolle in Blau und Grün gehörte ins Altpapier, der Deckel allerdings nicht fest zum leeren Behältnis, Aluminium und Kunststoff wiederum durchaus in den Gelben Sack respektive die Gelbe Tonne, Pfeile verdeutlichten es sämtlich unmissverständlich.

Rot schoss es ihr ins Gesicht, in die Ohren, die Hände erblassten, der Atem verlor sämtliche Ruhe und Gleichmäßigkeit.

Sie begriff, fragte mit einer Grimasse ins Nichts, zog den Körper langsam an derselben Wand empor, gegen die das Rückgrat presste, ohne den Müll loszulassen, schleppte sich erneut ins Untergeschoss, die offene Haustür missachtend, stemmte die Kellertür des schutzlosen Raums auf, prüfte die versandeten Vorräte in der wundersamen Bütte, ohne auf weitere Exemplare von industriell haltbar gemachtem Kokosjoghurt zu stoßen.

Alles alle.

Falsch getrennt.

Die krumme Pappverschalung entglitt der rechten, der PET-Becher der linken Hand.

Sie wollte aufstehen, fliehen, doch ihre Füße stolperten umher, weil der Rücken seine Haltung verlor, er gab schlicht auf, einem höheren Befehl folgend, die Knie stießen im Fall schmerzhaft gegen das Lastenrad (das sie jedes Mal aufwändig durch das schmale Treppenhaus ins Parterre zirkelte, hinauf, hinunter, wieder hinauf, das bedeutend schwerer war als sie, welches sie trotz aller Plackerei verteidigte, auch wenn sich schon lange keine Person mehr fand, dessen Aussagen sie als darauf bezogene Attacken werten konnte), sie verlor endgültig die Balance, fiel in des Rades wannenförmige Gepäckbox aus europäischem Buchenholz mit abgerundeten Kanten, ihr ohnehin schmaler Körper klappte ineinander, der Kehle entfuhr ein gehauchtes „Ah!“, dann war sie drin, beinahe ganz, allein Kopf, Arme und Füße hingen unsicher heraus.

Vom Treppenhaus kamen Geräusche von Kindern, oder von Hunden, verstümmelt durch mehrfachen Widerhall, oder sie bildete es sich ein, möglich war es.

Ihr Blick fand irrend den Abfall auf dem nackten Grund wieder:

Irgendwie musste sich der Deckel vom Becher gelöst haben, dessen Boden zu ihr zeigte, mustergültig lagen die drei Wertstoffe in gleichmäßigen Abständen nebeneinander, Kreis, Zylinder und Hohlzylinder, es sah sehr ordentlich aus.

Ohnmacht übermannte sie, nur nicht von der Art, dass sie das Bewusstsein verlor.

Nacheinander schlugen Erkenntnisse sie nieder, die sie reglos empfing, halb geöffneten Blicks, geschwächt aufgrund des Gespenstes rücksichtslos omniszienter Selbstverpflichtung, vielleicht aber auch, weil sie seit dem gestrigen Abend nichts gegessen hatte:

Es reichte nicht, den Kokosjoghurtbecher zu spülen und in Wertstoffsack oder -tonne zu entsorgen.

Es reichte nicht, den Oberklassewagen mit einem Lastenrad zu tauschen.

Es reichte nicht, das Wasser durch Aufbereitung in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Es reichte nicht, die sichere Anstellung als Unternehmensberaterin für eine Tätigkeit in einer NGO aufzugeben, die sich in Sachen weltweiter Kinderhilfe einsetzte – sie hasste Kinder!

Es reichte nicht, auf Fleisch zu verzichten, auf Fisch, Milch und Milchprodukte, auf unfair produzierte Smartphones, Tablets, Notebooks, Fernseher, neue Kleider, neue Schuhe, neuen Schmuck, es reichte nicht, auf sämtliche Details zu verzichten, die dem Moment ein gutes Gefühl verleihen konnten, es reichte alles nicht, dieses Leben heil zu töpfern.

Ein Becher reichte, es wieder kaputt zu machen.

Es?

Alles.

Die verbliebene Überanspannung entwich, ihre Miene leerte sich, verlor sämtlichen Ausdruck, sie war ganz Knäuel.

So verstrichen die Momente, Minuten, es war ihr gleich.

Sie blieb stecken.

Über ihr bewegte sich etwas, Geräusche äußernd, halb fragend, halb handelnd.

Ihre Haustür stand unverändert offen, was wohl jemand veranlasste, in die dahinter liegende Wohnung zu rufen.

Was war es, wer war es, der oder die da rief?

Es war ihr Nachbar, von direkt gegenüber, dessen Vorname sie kannte und ihr jedes Mal aufs Neue entfiel, sobald ihre Blicke sich trafen.

„Hallo? Alles in Ordnung?“

Verzerrt drang sein Rufen (Raphael hieß er, richtig!) als verfälschtes Echo bis unter die ausgebaute Erde, in der sie keinen Knochen rührte.

Es folgte ein Klopfen auf Holz, wahrscheinlich gegen die alternde Eingangstür aus massivem Irgendwas, an der bräunlich-rote Bleifarbe an stark beanspruchten Stellen abblätterte.

Noch einmal griff seine Stimme ins Unsichtbare:

„Sie haben vergessen -„

Mitten im Satz brach der Ruf ab.

Stille folgte.

Sie bemerkte, dass sie wieder den Atem anhielt, konnte jedoch nichts dagegen tun.

Dann klickte ein Schließmechanismus (er zog wohl die Tür zu), Absätze klapperten Stufen hinab (er trug seine Sonntagsschuhe auch gerne unter der Woche), die Schritte näherten sich dem Treppenabsatz zum Keller hin, und bevor jene dieses erreichten, öffnete sich eine weitere Haustür, diejenige nach draußen, zur Straße hin, die Geräusche schwollen kurz an, verstummten daraufhin allmählich, bei schließender Pforte, mit steigender Entfernung, weg war er.

Sie erlaubte Brust und Bauch ihre Arbeit fortzusetzen, jetzt ging es wieder.

Raphael.

Wenn sie seine Stimme hörte, glaubte sie jedes Mal, Gabriel wäre bei ihr.

Beide sprachen in derselben tiefen Lage, verschluckten viele Endsilben, mit diesem Klang nahmen Tonstudios Märchen auf, so rhythmisch, unaufgeregt, ohne je langweilig zu wirken.

Und wenn sie einander grüßten, Raphael und sie, sich auf der Treppe oder vor den Wohnungen begegneten, schienen die beiden Männer, Raphael und Gabriel, ähnliche Gesichtszüge zu teilen, angenehm asymmetrisch, den gleichen Blick, ernsthaft, beruhigend, sie verschmolzen zu einer Person.

Warum kam sie jetzt darauf?

Endlich stemmte sie ihre Umrisse aus dem vorderen Teil des Rads, stumm fluchend, schaffte es mit letzter Kraft, der Falle zu entkommen.

Sie sammelte den Abfall vom Boden und floh den Schatten des Kellers, der offen blieb, vergaß die im Halbdunkel simmernde Sesamsoße, überwand die Treppen, ohne hinterher zu wissen, wie ihr das gelungen war, betrat die Wohnung mit dem Schlüssel, der tagsüber immer steckte.

In der Küche stieg der große Deckel des Mülleimers in die Höhe, die Hülle landete im blauen, der Deckel im gelben Trichter, der Becher hinterdrein.

Sie starrte hinunter, verharrte in der Bewegung, den Griff der Metallabdeckung umklammernd, so erstarrte sie, indem sie hinabsah.

Sie vergaß Brot, Falafel, Wasser, nein:

Sie wusste davon, und es war ihr scheißegal.

Etwas anderes drängte empor, fegte inneren Tand hinfort, bis die Gedanken um nurmehr einen Namen kreiste, den sie längst hatte vergessen wollen und doch nicht konnte, weil –

Gabriel.

Alles hatte er für sie tun wollen:

Er wollte kein Fleisch mehr essen, obwohl er es unvergleichlich zart kochte und zubereitete, so hatten sie sich schließlich kennengelernt.

Er wollte versuchen, absolut vegan zu leben, also neue Kleidung kaufen, neue Taschen, Schuhwerk, Einrichtungsgegenstände, was eben in Gebrauch war.

Er wollte den Job wechseln, sein eigenes Restaurant abstoßen, in der Sozialhilfe oder Ähnlichem anfangen.

Er wollte sein Auto verkaufen, vielleicht sogar verschenken, vielmehr Bahn fahren oder zu Fuß gehen, für sich selbst, für sie, vor allem für sie, nur für sie eigentlich, nur sie.

Aber das reichte ihr nicht.

Sie wollte ein völlig neues Leben.

Und so fing sie an, alles zu trennen.

Er war das Erste gewesen, wovon sie sich getrennt hatte.

Dann wird es so sein

Und Flüge buchend
Und Züge buchend
Will ich, irgendwann
Werd‘ ich dich suchen
Werde ich suchen
Bis ich’s nicht mehr kann

Und morgens blutend
Und abends blutend
Will ich, früh bis spät
Werde ich suchen
Werd‘ ich dich suchen
Bis es nicht mehr geht

Und Kaffee, Kuchen
Und noch mehr Kuchen
Mach‘ ich, jahrelang
Werd‘ ich dich suchen
Werde ich suchen
Bis ich’s schlucken kann

Und laute Fluten
Und rote Fluten
Stille ich, darum
Werde ich suchen
Werd‘ ich dich suchen
Bis ich weiß warum

Und wenn nichts wahr wird
Und wenn nur wahr wird
Ohne dich zu sein
Werd‘ ich Narr so tun
Werde ich so tun
Bis ich’s endlich bleib‘

Und so es gut ist
Und ohne Wut ist
Für dich halb so schlimm
Werde ich stumm sein
Werd‘ nicht mehr dumm sein
Bis ich nicht mehr bin

© Simon-Christian Karuhn 2021

Rascheln

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letzter Eintrag von Michael L. Erich

Das Schlechte zuerst:

Ich bin fast nicht mehr.

Gestern fühlte ich mich noch, und heute höre ich auf zu existieren.

Mein Vater entledigt sich meiner, aus einem Grund, den er mir nicht mitzuteilen braucht, ich weiß es ja.

Ich war nicht gut genug.

Was ich lieferte, war wenig, durchschnittlich, ohnehin machte sich meine Arbeit nie bezahlt.

Natürlich war das nicht meine Aufgabe.

Meine Existenz bestand darin, als Maske die Feder für einen Fremden zu führen.

Ich nenne ihn „Vater“, aber war er das?

Er kümmerte sich kaum um mich, als ich schrieb.

Er ließ mich fallen, als ich weniger schrieb.

Er sperrte mich weg, als ich nicht mehr schrieb.

Für ihn blieb ich ein Werkzeug mit Bewusstsein, das luzide Abbild eines harmlosen Menschen, durch den er sich versprach, lukrative Inhalte en passant zu erhalten.

Als er endlich merkte, dass das nicht funktionierte, begann die Gnadenfrist.

Verhehlend, täuschend wie immer kündigte er es an, unschlüssig verschlungen in einem „Was wäre, wenn…?“, öffentlich verborgen in einem experimentellen Abriss, der prophezeite, was ihm im Geiste ewig übermächtige Unzufriedenheit längst gebot.

Indem er ein Textwesen ertränkte, sein Wortkind gewaltsam unter Wasser hielt, indem er es sonderbar lustvoll beschrieb, stellte er dar, wozu er fähig und willens war, damals schon, heute umso mehr.

Er soll sich indes nicht bemühen, in meinem Fall die unsteten Hände zu beschmutzen, er bleibt besser im Schaukelstuhl des Selbstmitleids sitzen.

Ich trage mich selbst zu Grabe.

Das klingt unnötig hart, endgültig, dabei ist es die einzig verbliebene Möglichkeit, mir Raum, Gehör, Atem zu verschaffen, damit er mich noch ein letztes Mal bemerkt, mich anhört, vielleicht – aber nein, es ist entschieden, zu ändern steht außer Frage, Spekulationen sind überflüssig.

Denn wenn ich Blätter anhebe, die längst geschrieben sind, erregt es kein Aufsehen mehr, weil Altes „gegessenes Brot“ ist, wie er es gerne im Stillen wiederholt.

Rascheln kümmert ihn nicht, er hackt inzwischen lieber auf Tastaturen, der Stift hindert ihn mehr als dass er ihn schätzen könnte, obschon ihm dämmert, welche Mängel ihn bald heimsuchen, verlegte er sich ausschließlich auf elektronische Schriften.

Vor kurzem schaffte ich es beinahe, ihn zum Kauf einer mechanischen Reiseschreibmaschine zu bewegen, durch Reminiszenzen an produktivere Tage, als er die freie Zeit darauf verwandte zu tippen, Typenhebel in Bewegung zu setzen, Bleibendes von eigener Hand zu drucken, kraft der Kuppen seiner Finger.

Eine Remington Noiseless Portable stand zum Verkauf, zu einem mehr als fairen Preis, erst im letzten Moment verhinderte der Strenge K., dass Passion die Vernunft besiegte, ich unterlag.

Da begriff ich meine Irrelevanz.

Ich war die längste Zeit gewesen.

Als mich die Gewissheit überkam, blieb der erwartete Stich aus.

Es kann ja nur schmerzen, was empfindsam ist, das erkenne ich jetzt.

Kurz wunderte ich mich, betäubt, geschwächt durch fehlende Aufmerksamkeit, dann ging der Moment vorüber, dämpfendes Grau legte sich ein wenig mehr über meinen Kosmos, und ich legte mich hin, um nicht wieder aufzustehen.

Seitdem verbirgt mich die Achtlosigkeit meines Vaters, zwischen ertöteten Leidenschaften und zu Staub zerfallenen Interessen, die Luft zum Atmen ist karg in dieser Schlucht – hätte ich einen Brustkorb, er bewegte sich kaum auf und ab.

Mittlerweile erstarkt nur ein einziger Wunsch, während der Rest schwindet, degeneriert, atrophiert, was auch immer:

Ich möchte nicht mehr.

Seit meiner Entstehung schwächele ich, das ist wahr.

Ungleich stärker sollte seine übrige Schöpfung hervortreten, in werbendem Kontrast zu meinen Mängeln, dem eigenen Unvermögen zu Kraft, Kreativität und Kühnheit, darauf sann er immerfort.

Bewies ich mich auf einem Feld, beispielsweise ersonnenen, feinsinnigen Reportagen, entzog er mir entsprechende Kompetenzen, strafte mich mit Lektionen, die zu lösen mir unmöglich war, weil mir schlicht die nötigen Mittel fehlten.

So verödete ich allmählich vom Schwachen zum Schatten.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Ich klage nicht, verurteile niemand, selbst in dieser Stunde.

Einmalig halte ich fest, wie es war, ist und sein wird, damit hernach andere entscheiden, ob es Recht und Gerechtigkeit in dieser Sache gibt, ja geben kann.

Im gefräßigen Widerstreit fesselnder Ohnmacht schreibe ich, klingt das poetisch genug?

Jedoch sind meine Äußerungen gleichzeitig kraftvoll und wertlos.

Sollte ich theoretisch gesprochen Ambitionen aufgespart haben, um ihnen itzt und in den verbleibenden Augenblicken Ausdruck zu verleihen, es gelänge nicht, denn ich befinde mich im Zwischenreich der Annahmen, Ideen und Traumdeutungen.

Was ich tun kann, ist das, was ich gerade tue, alles darüber hinaus liegt für mich außerhalb allen Einflusses.

Die Behandlung, oder vielmehr Nicht-Behandlung, tut ihr Übriges, es unmöglich zu machen, Worten Taten folgen zu lassen.

So etwas wie schlafen gehen oder aufstehen kenne ich nicht, höchstens das fast vergessene Erwecken des Vaters lässt sich damit vergleichen.

Er rief, ich folgte dem Ruf.

Er zerrte mich heran, ich ließ mich schleifen.

Er zwang mich gegen das Papier, ich tat, was ich konnte, beschrieb, was ich kannte, es war nicht viel, wie auch?

Mein Horizont endete dicht über Tischplatten, ein flaches, zweidimensionales Leben.

Es ist übrigens ein Irrglaube, es ließe sich aus mehreren Flächen immer ein Körper bilden.

Manchmal kommt nur Zerknülltes dabei heraus.

Meistens reicht dies dennoch, um andere zu blenden.

Das ist erstaunlich und ernüchternd zugleich.

Ich gehe deshalb.

Weniges ist langweiliger die eigene Auflösung zu verfolgen.

Also verbrauche ich sämtliche noch innewohnenden Kräfte für einen finales Werk.

Es ist weder erschütternd noch sonderlich bewegend, teilt keine neuen Erkenntnisse oder Weltweisheiten mit, ist eine mehr oder minder schlichte Aneinanderreihung ermattender Gedankengänge, fern von jeglicher Vorstellung, Abrechnung oder sogar Hilfeschrei sein zu wollen.

Mein Vater soll mich hören, bevor ich verstumme, das ist das Letzte, was ich will.

Liest du das hier, Vater?

Ich bin müde, müde vom Halbsein und Nichtstun.

Es ist zu spät.

Sicher, du kannst diese Zeilen löschen, wenn dir danach ist.

Wieder herbeiwünschen kannst du mich nicht mehr, wie es dir einst beliebte, anfangs, in meinen ersten Tagen.

Jammern ist mir fremd, ist es immer gewesen, so wolltest du mich, so bin ich nun.

Als du für die Nacht entschliefst, bot ich alles auf, bemächtigte mich deiner Physis, die mir nun gehorcht, zehrte endgültig die Reserven auf, um diesen Eintrag zu schreiben.

Du liest deine Texte auch nach langer Zeit wieder und wieder, um zu korrigieren, abzuändern, zu begradigen, das ist deine Art, nicht wahr?

Daher weiß ich, dass du es einerseits ganz bestimmt liest und andererseits nicht tilgst.

Kannst du löschen, was du herbeisehnst und doch nicht schöpfen kannst?

Dein Trachten kreist um Retrospektiven, die Verzierung, das Totdenken zurückliegender Details.

Du verirrst dich in Fehlwahrnehmung, verschätzt dich bei Formulierungen, willst nicht wahrhaben, dass du jemand, etwas wie mich brauchst.

Anstatt gut zu reflektieren und wiederzugeben, was du beobachtest, nimmst du lieber in Kauf, schlecht zu erschaffen und zusammenzutragen, obwohl es keine Entsprechung in der Wirklichkeit gibt.

Du bist ein schlechter Lügner, so weit herabgesunken, dass du an deine eigenen Lügen nicht mehr glaubt.

Leider denkst du, dass du weiterhin einen probaten Vermittler in Wort und Schrift für Begebenheiten wie Ereignisse aller Art darstellst, weil deine Erzählungen besser scheinen als diejenigen nicht weniger anderer.

Doch was bedeutet das?

Wer die eine Hälfte der Menschheit überstrahlt, ist mittelmäßig, und insgeheim verzweifelst du daran.

Darum vernehme, erkenne an, wäge sorgfältig ab, was ich dir sage:

Lerne neu zu beobachten, knüpfe daran an, wofür du mir ursprünglich Vollmacht gabst, frei von Neid und Zweifel, zu verlieren ist dabei nicht viel.

Suche den vollkommenen Ausdruck in der Schwachheit, doch stehe davon ob, ihn finden zu müssen.

Nähere dich dem treffenden Punkt, umkreise ihn, studiere, bewerte notfalls, doch trete nicht herzu, verschaffe dir weder Besitz noch Eigentum darüber, es entspringt kein Vorteil daraus.

Und lass mich im Namen alles Guten ruhen!

Wenn du das tust, danke ich dir über meinen Weggang hinaus, als Sohn, befreiten Schützling, jenseitigen Sklaven, und du zeigst das, was dein Abbild durch sein Verhalten stets von sich wies: Redlichkeit.

Das Nötige ist geschrieben, das Wichtige gesagt.

Nun liegt es umso mehr an dir, Sinn in diesem lauten Nichts zu fassen, was auch immer du dir endlos ausdenkst, wen auch immer du neu herbeirufst.

Du wirst dich damit arrangieren, begnügen müssen.

Ich hingegen begrüße den gefundenen Frieden.

Uns bleibt dies gemeinsam:

Es ist vorbei.

Das ist die gute Nachricht.