Fünf heißt…

…mangelhaft.

Es mangelt an guten Ideen, und wenn diese vorhanden sind, gelingt es einfach nicht, diese zu einem guten oder wenigstens befriedigenden Ergebnis zu führen. Woran es liegt? An mehreren Dingen. Vor allem jedoch liegt es an der Zeit: sie ist jetzt und doch nicht da.

Es mangelt also an Zeit, und wenn sie doch übrig ist, kommt etwas Unvorhergesehenes dazwischen oder ein Gefallen wird verlangt oder etwas Vergessenes drängt sich geradezu gewaltsam auf und fordert entsprechende Ressourcen. Was tun? Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Gute Planung hat sich bislang gut bis sehr gut bewährt.

Es mangelt also an Planung, und wenn sie umfänglich erstellt wurde, inklusive Puffer für was auch immer, reicht es dennoch nicht. Dann ist alles an Materialien erschöpft, aus eigenen Kräften kann das kleinste Ziel nicht erreicht werden. Wie geht es weiter? Einiges ist denkbar. Als Erste fällt indes ein, Hilfe von anderen anzufordern.

Es mangelt also an Hilfe, und wenn sie angefragt wird, hat wahlweise keiner oder niemand Zeit, sei es der Arbeitskollege oder die Nachbarn. Oder sie ist teuer, sehr teuer sogar. Warum? Weil echte Hilfe eigentlich unbezahlbar ist. Sie ist weder käuflich noch unbedingt einforderbar. Hilfe kommt von Freunden, Menschen die einander von besonderer Bedeutung sind.

Es mangelt also an Freunden. [Wahnsinn, so ein Aufbau für solch eine einfache Botschaft.] Wenn man sie braucht, sind sie da. Weil? Weil das Freunde so machen. Sie sind füreinander da und Punkt. Etwas Höheres ist kaum denkbar.

Wo liegt der Mangel also? Bei mir. Und, das ist auch sehr wichtig hierbei, ich beklage mich nicht darüber. Denn ich weiß darum und arbeite daran.

Mehr gibt es nicht zu sagen.

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Der Meister ohne Vornamen

Der Erzähler fühlt sich verpflichtet, den geneigten Lesern folgende Warnung voran zu stellen: es ist so gut wie unmöglich, dass diese Geschichte ein gutes Ende nimmt. Doch wer angesichts dessen weiterhin voller Hoffnung bleibt, der wird keinesfalls davon abgehalten werden, Belehrung zu erhalten.

Es war einmal ein alter Uhrmacher ohne Vornamen, der das letzte Geschäft seiner Art in der begehrten Innenstadt von S. besaß.

Der Verkauf und die Reparaturen von Uhrwerken aller Art war mühsame, kaum fruchtbare Arbeit. Kein einfacher Mensch wollte mehr unauffällige und altvertraute Zuverlässigkeit, es zählte vor allem teurer Glanz, egal wie kurz dieser andauerte. Die Läden rechts und links von ihm, darunter ein Juwelier und ein Schuster, hatten bereits lange vor ihm schließen müssen. Stattdessen waren ein Anbieter für kostspieligen Kaffee in billiger Aluminiumfolie und ein Herrenausstatter mit ähnlichem Konzept eingezogen. Schließlich übernahm ein sogenanntes BID-Unternehmen die Verwaltung der Straße, machte ein BID (ein Business Improvement District) daraus und legte dem Meister nahe, besser mit einem guten Namen als einem schlechten Geschäft den Lebensabend zu verbringen.

Hätte er getan wie angeraten, wäre das nur die halbe Wahrheit gewesen. Den Vornamen hatte der Uhrmacher nämlich gewissermaßen mit seinen verstorbenen Freunden verloren, unter anderem ein Schuhmacher und ein Schmuckwarenhändler. Für seine weit verstreute Familie war er immer nur Onkel Tiktak oder Opa Tiktak, bei seinen treuen Kunden stets Herr Radebrecht. Sich selbst sprach er ohnehin mit „alter Gauner“ an, sodass für einen Vornamen keine Verwendung bestand. Und so sollte es bleiben.

Herr Radebrecht dachte nicht daran, ebenden Ort zu räumen, an welchem er um die Hand seiner Frau angehalten hatte.

Das war vor 50 Jahren gewesen. Auf der Flucht vor dem Regen hatten sie im schon damals spärlich besuchten Verkaufsraum des als Uhrenwerkstatt bekannten Lädchens Schutz gesucht. Herr Radebrecht (so hieß er schon vor der Heirat) hatte nicht länger warten wollen, bis die höchst romantische Kulisse der Altstadt getrocknet war, und so waren von ihm, zwischen unentwegt tickenden Lebensanzeigern, nacheinander der sparsam vergoldete Ring gezückt sowie die entscheidenden Worte gegenüber der anderen Hälfte seiner Liebe ausgesprochen worden. Kein Sekundenschlag später hatte sie ja gesagt hatte, und es brauchte kaum eine Minutendrehung, da war der arbeitslose, junge und überglückliche Herr Radebrecht die Aushilfe des damaligen alten sentimentalen Uhrmachermeisters geworden.

Nun war Herr Radebrecht selbst alt und sentimental und Uhrmachermeister geworden und hatte als Meister Radebrecht noch keinen einzigen Heiratsantrag miterleben dürfen, weder hier noch in seiner Familie. Nur Beisetzungen. Es würde keinen Nachfolger geben, das wusste er. Aber er konnte Sofie nicht Lebewohl sagen, nicht jetzt und erst recht nicht hier. Sofie war seine Frau gewesen, und für ihn war sie es immer noch. In diesen Räumen der Zeit könnte er sie noch hören, mit ihr reden und nach Ladenschluss den einen oder anderen Abend mit ihr im Sinn langsam im Kreis tanzen, mit selbst gesummter Musik im vielstimmigen Chor tickender Uhren. Wie vor 50 Jahren.

Solcherlei interessierte die Gesellschafter des BID-Unternehmens so wenig wie nur irgendetwas. Zuerst versuchten sie es mit Geld, dann mit Drohungen sowie einem Gutachten über die einsturzgefährdete Bausubstanz und schließlich mit noch mehr Geld. Nichts half, der alte Mann blieb stur und das Uhrengeschäft weiterhin offen.

Da geschah ein Unfall, bei dem Herr Radebrecht mit seinem Kleinwagen auf dem Arbeitsweg einen jungen Radfahrer auf der Straße anfuhr. Es war vonseiten des Meisters unabsichtlich, und der Schock bei ihm saß tief. Auch weil der Verunfallte ohne Beleuchtung und mit völlig dunkler Kleidung in morgendlicher Dämmerung aus einer mindestens ebenso dunklen Seitengasse vor das Auto gefahren war, konnte ein Außenstehender es höchstens als unglücklich, jedoch keinesfalls als vorsätzlich oder aus einem Zustand der fortgeschrittenen Vergreisung bezeichnen. Obwohl in einer Großstadt, fanden sich keine Zeugen, die den Unfallhergang beschreiben konnten. Es blieben einzig und allein der Verunfallte und Herr Rademacher: ein junger Mann mit Halskrause und ein alter, sturköpfig scheinender Uhrmacher.

In beinahe verdächtig schneller Folge durchlief der Fall die Medien, ein gerichtliches Verfahren und den Dauerarbeitsauftrag eines betreuenden Pflegedienstleisters als Vormund. Die Information, dass das in der Öffentlichkeit bemitleidete Opfer als Trainee bei einem gewissen BID-Unternehmens angestellt war und dort eine steile Karriere vor sich hatte, musste zuverlässig den Redaktionsschluss verpasst haben, denn es kam bislang in keiner Pressenachricht vor. Wie interessant ist schon die Wahrheit, wenn die Geschichte, die darüber erzählt wird, um so vieles unterhaltsamer ist? Der Uhrmacher wurde zu Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt und in ein Generationenhaus gebracht. Aus dem kleinen Geschäft wurde in kürzester Zeit eine streng exklusive Boutique, ein Szene-Café, ein Mobilfunkhandel und eine leerstehende Mietung.

Das Geld für die Entschädigung, die Herr Radebrecht dem Praktikanten zahlen musste, kam aus dem Verkauf der Eigentumswohnung, in der er für 51 Jahre mit seiner Sofie gelebt und natürlich mitunter gelitten hatte. Was vom Erlös übrig blieb, reichte weder für eine längere Unterbringung im Altenheim noch für die Anzahlung einer Ein-Zimmer-Wohnung am äußersten Stadtrand, denn welcher vernünftige Kreditsachbearbeiter gewährt einem 83-jährigen schon ein Darlehen?

Da beschloss der ehemalige Uhrmacher, dass es genug war.

Er steckte morgens alle wichtigen Unterlagen zum Fall Irmand (so hieß das Opfer: Benjamin Irmand) und Radebrecht in den großen Wanderrucksack, den Sofie immer so peinlich fand, dazu noch die Taschenuhr, seinen Glücksbringer, mit der er seine Meisterprüfung bestanden hatte, und eine Flasche stillen Mineralwassers zur Sicherheit. Dann ließ er sich von einem Taxi bis zur Innenstadt fahren, wo er dem Fahrer ein ordentliches Trinkgeld gab. Er wartete, bis Benjamin Irmand mit seinem Auto, einem nagelneuen Geschäftswagen der oberen Mittelklasse, vorbeifuhr und warf sich davor. Der Zusammenstoß an sich zertrümmerte Herrn Radebrecht lediglich zwei Rippen, der anschließende Sturz verursachte den Schädelbasisbruch und führte schließlich zum Tod noch vor Eintreffen der Ambulanz – das ergab die Obduktion.

In seiner winzigen Wohnung einige Kilometer außerhalb von S., in der die meisten Umzugskartons nicht ausgepackt worden waren, fand man einen besonderen Abschiedsbrief: eine seitenlange Bitte an Sofie um Verzeihung für das, was er nun erfolgreich durchgeführt hatte. Viele der Anfangsbuchstaben hatten Zeigerarme, das Gesamtbild des Schreibens schien – auch auf den zweiten Blick – rhythmisch geordnet und beruhigend wie das Innere eines vollkommen gestalteten Uhrwerks. Der Inhalt war voller zärtlicher Erinnerungen, die selbst mit endlos verfügbaren Taschentüchern nur bruchstückhaft wiedergegeben werden können, weshalb es angesichts einer solchen Geschichte des Verlierens genügen muss und auch folgerichtig ist, ebenfalls keine Worte darüber zu verlieren und das Allerrührigste bislang unbekannter Liebeserklärungen des Alltags anzunehmen. Das Ende des Briefes war unterzeichnet mit „Dein 11:05 Uhr“, das heißt dass die Zeiger ein V., den Anfangsbuchstaben seines Vornamens bildeten.

Zu der Beerdigung von Herrn Radebrecht war niemand anwesend.

So endet diese Geschichte mit einem Geheimnis, das nur der Erzähler kennt und welches auch nicht mehr enthüllt werden soll. Was bleibt, ist diese traurig machende Moral: ohne Moral ist es leichter und besser auf dieser Welt, und da Glück so etwas wie Moral nicht kennt, ist kein Ende je wirklich gut – auch wenn die Hoffnung all das überlebt und auf Besseres vertraut.

Nun, es wurde ja vorgewarnt.

© Simon-Christian Karuhn 2019

Vier Uhren

Die Uhrzeit auf dem Smartphone

Omnipräsent.

Quasi die göttliche Vorgabe, inklusive dogmatischer terminlicher Erinnerungen, wann wer warum ins Angesicht gesehen werden will – naja, was heißt „will“… Die Weckfunktion nicht zu vergessen, zum Zwischending von Vigil und Laudes läutend. Außer dass es nicht zum Gebet geht, sondern zur lettrigen Beichte. Wer hat sich diese nachtschlafende Zeit eigentlich ausgesucht? Ach ja, richtig.

Und wenn es mal wirklich wichtig wird zu wissen wie spät es ist, muss das Smartphone zur Hand genommen werden (es sei denn eine Smartwatch lastet am Handgelenk), es wird auf den roten Button rechts vom Display gedrückt, der Sperrbildschirm leuchtet auf und Uhrzeit sowie Datum bleichen vor einem zweifelhaft schönen 3D-Hintergrundbild entgegen.

Die Anzeige erlischt nach einigen Sekunden wieder. Ich habe die Zeit sofort wieder vergessen.


Die Uhrzeit am rechten Ende der Taskleiste

Limitativ.

Beim Notebook (Laptop? Faltbarer All-in-One-PC? Ich hab’s: Klapprechner!) wird in der Ecke rechts unten nicht nur angezeigt wie früh oder spät oder viel zu spät es ist, sondern auch der Batteriezustand, die Qualität der WLAN-Verbindung und viele viele andere, bunte Symbole, die sehr schnell sehr leicht ablenken können, wenn geschrieben wird. Geschrieben werden soll. Werden möchte, denn:

Ist der Virenscanner jetzt wirklich aktuell? Hm, mal sehen… – obwohl dieser, sobald das Notebook die Verbindung mit dem WLAN-Router hergestellt hat, automatisch sämtliche neue Updates herunterlädt.

Oh, die Lautstärke ist etwas zu hoch eingestellt. Warum eigentlich? Ach ja, Ben Howard. Hm, keine schlechte Idee. Mit Musik lässt es sich sehr viel besser ausdenken… – und schon ist die nächste Playlist in Bearbeitung, deren Fertigstellung in etwa den Zeitraum einer vierseitigen Kurzgeschichte mittlerer Güte einnimmt.

"Give me shelter or show me heart
And watch me fall apart, watch me fall apart"

Wie spät ist es eigentlich? Verdammt! Schon wieder kaum was geschrieben. Und natürlich nichts fertig. Na toll… – so in etwa entsteht dann ein eilig heruntergeschriebener Blogeintrag, um irgendetwas vorweisen zu können.

Ich mir selbst, natürlich. Um etwas anderes geht es nicht.


Die Uhrzeit beim Armaturenbrett des Autos

Zur Eile antreibend.

Zeitgleich/gleichzeitig muss nämlich die voraussichtliche Ankunftszeit, mehr oder weniger zuverlässig vom Navigationssystem ermittelt, erwähnt werden.

Ist bereits Rushhour, oder ist Fortuna dieses Mal vorausgeeilt, um eine im Moment noch nicht sichtbare Schneise für ihren Lieblingstrottel im schwarzen Kombi zu schlagen? Üblicherweise ist es beides zugleich, weder zum Vor- noch zum Nachteil. Und die Uhr glimmt mit der Ankunftszeit des Routenprogramms um die Wette. Dabei gelassen zu bleiben ist wahlweise eine Kunst oder sehr teuer.

Zum Glück gibt es gute Musik. Dermot Kennedy zum Beispiel.

"And if only you could see yourself in my eyes
You'd see you shine, you shine"

Besser. Sehr viel besser. Das Pulsen der „Armatuhr“ verlischt, der Innenraum erweitert sich. Ich höre mich wieder atmen. Du kannst mich mal, voraussichtliche Ankunftszeit.


Die chronobiologische Uhrzeit (die Uhr innen)

In höchstem Grade unzuverlässig.

Außer wenn es ans Aufstehen gehen soll. Dann ist die Uhr atomsekundengenau.

Fünf Minuten vor der auf der Smartphone-Wecker-App eingestellten Weckzeit schaue ich nach, überlege ob es nicht besser wäre jetzt schon aufzustehen oder noch die paar Augenblicke mitzunehmen, geschenkt wird einem ja eh nichts, dann werden die Lider schwer, der Kopf wird schwer, die Hand mitsamt Smartphone werden schwer, so schwer, und kaum ist der Blick sicher erloschen und der Atem sonor wehend, klingelt es, ich bin weder wach noch schlafend, leicht verärgert, die Erholung der letzten Stunden sind selbstverständlich vergessen und die erste Aufgabe des Tages, nämlich das Herausschälen aus dem wunderbar kuschligen Trio Decke, Kissen und bespannter Matratze, muss mit herkuleischer Anstrengung bewältigt werden. – Ja, ich mag diesen Teil des Morgens nicht.

Dies innere Werk, diese Uhr ohne Ticken, wird ihre Geheimnisse mit in mein Grab nehmen. Warum ich es liebe im Augenblick zu bleiben, der dadurch umso kürzer wird und kostbar. Warum wir uns langweilen, ohne dass wir die vermeintlich gewonnene Zeitspanne nützlich umzuwandeln in der Lage sind – was auch immer „nützlich“ in diesem Zusammenhang heißt. Warum einiges nur noch mehr weh tut, anstatt zu verheilen. Und noch ein paar Fragen mehr.


So nehmen die Uhren Maß und teilen die Zeit in verdauliche Stücke, jede zu einem anderen, ganz bestimmten Zweck.

Zwischen zwei Geschichten

Diese Hoffnung, die in ihm aufkeimte, war dann auch das letzte eindeutige Signal dafür, dass hier etwas enden musste, ob zu einem guten Ende oder auch nicht.

Und wie er sah, dass sie ein weiteres Mal mehr oder weniger in seine Richtung blickte, mit blinzelnden Augen, scheinbar in Gedanken versunken, war er vollends überzeugt, dass sie ihm zuzwinkerte. Dabei war der Grund für ihr Augenspiel ein enttäuschend einfacher: sie trug nach langer Zeit wieder Kontaktlinsen. Aber das sollte er nie erfahren, weil er bereits am nächsten Bahnhof aussteigen musste, mit kummervoll hoffnungslosen Gedanken sowie ohne letzte Kontaktaufnahme ihrerseits (er selbst war viel zu schüchtern), und sie nie wiedersah.

Sie indes versuchte es an drei Tagen hintereinander mit den Linsen, verdrehte dadurch einer unbekannten Anzahl verträumter Männer den Kopf und gab es schließlich auf, obwohl sie stark kurzsichtig war. So kam es dann auch, dass sie – stolz, wie sie war – ohne jegliche Sehhilfe in den Rücken eines vor ihr stehen gebliebenen Menschen lief, den gebückten Blick auf ihr Smartphone gerichtet. Als der Angelaufene sich umdrehte, erkannte sie, kaum aus ihren Träumen aufgewacht, dass sie diese Person doch erst vor ein paar Momenten noch gesehen hatte. Quälend langsam, aber in Wirklichkeit innerhalb einiger Tausendstel Sekunden, wurde ihr klar, woher ihr das Gesicht vertraut war: es handelte sich um den Mann, dem sie noch vor wenigen Wimpernschlägen und auch davor mit einer lieb gewonnener Regelmäßigkeit im Schlaf, sei es tags mit offenen Augen oder des Nachts mit – naja, nicht wirklich viel an begegnet war. Ja, es war der Mann aus ihren Träumen.

Oder hieß es der Mann ihrer Träume? Egal, er war es. Doch anstatt sie anzusprechen, wie er es in den genannten Traumsequenzen so oft getan hatte, schaute das mit ihr längst innig verbundene Gesicht sie verärgert und mindestens genauso verständnislos an, kehrte ihr ohne ein betörendes Wort den Rücken zu und ließ sie entzaubert zurück. Sie hörte irgendwo unterhalb ihres Kinns ein leises Knacken und wusste sofort, welcher Teil von ihr einen weiteren Riss erhalten hatte. „Kann die Realität nicht ein bisschen netter zu einem sein?“ vermochte sie noch zu denken. Dann sah sie wieder auf das Smartphone und ging weiter Richtung Zuhause, jetzt damit beschäftigt, bis zum Erreichen ihrer Wohnung nicht plötzlich zu weinen – grundlos war der Tränenkampf ja nicht.

Dies sah eine ältere Frau, die auf dem Weg zum Supermarkt drei Straßen weiter war, und…

Ja, was eigentlich? Wir können diese Episoden beliebig aneinander reihen, ab einer willkürlich gewählten Stelle zu erzählen anfangen, wie wir es ja getan haben, und genauso zufällig damit aufhören. Nur wie endet so eine Erzählung? Auch das ist enttäuschend einfach:

Und damit begann die nächste Geschichte.

© Simon-Christian Karuhn 2019

Drei Sätze

Die Tage suchen sich an Einförmigkeit zu überbieten. Doch sie sind einander zu ähnlich, um einen Sieger zu bekränzen. Selbst die Abwechslung muss geplant werden, Wochen, Monate im Voraus. Etwas wagen, ja gar spontan zu entscheiden wäre doch recht waghalsig. Sicher ist sicher.

„Auf jeden Fall.“

„Lass uns einen Termin machen.“

„Mal sehen.“

Es gibt eine wundervolle Szene im Film „I Heart Huckabees“. Brad Stand – gespielt vom noch wundervolleren Jude Law – wird in einer Konferenz auf seine immergleiche Anekdote von ihm, Shania Twain und einem gewissen Sandwich angesprochen und dazu angehalten es ein weiteres Mal zu erzählen. Schon zuvor konfrontiert mit der eigenen Erscheinung als widerliche Phrase, übergibt er sich mitten in einer Konferenz vor den teilweise hochkarätigen Anwesenden in die eigene Hand. Er hat keine andere Geschichte zu erzählen als diese über sich, Shania Twain und das Sandwich. Er hat nichts anderes zu erzählen als diese eine Geschichte. Er hat nichts anderes, und das immer und immer wieder.

Alltag ist notwendig. Planung ist der Schlüssel zum Erfolg. Planung ist notwendig, und Alltag ist der Schlüssel zum Erfolg. Alltag ist Planung und ein notwendiger Schlüssel zum Erfolg. Alltag ist Erfolg, ein Schlüssel ist notwendige Planung. Alltag – Notwendigkeit – Planung – Schlüssel – Erfolg. Wie war die Frage nochmal? Ach ja, es gibt keine.

Erzählen, jemand soll etwas erzählen! Etwas Nachvollziehbares, etwas Heiteres, mit einer kleinen, entscheidenden Wendung ins Neue, vielleicht nicht Vorhersehbare. Leicht, leicht soll es sein.

Die Kneipenschlägerei ohne besonderen Anlass findet ihre Entsprechung in der Aushandlung einer zweifach ausgestellten Sitzplatzreservierung in der ersten Klasse im Intercity-Express der Deutschen Bahn.

© Simon-Christian Karuhn 2019

Eine WhatsApp-Statusmeldung aus dem Dezember vergangenen Jahres. Ich saß direkt vor dem im Disput umkämpften Sitzplatz, zwei Business-Kasper auf dem Weg in den Süden. Es waren äußerst unterhaltsame fünf Minuten. Oh, es ist keine Geschichte zum Erzählen. Nicht einmal eine Anekdote. Keine Shania Twain, kein Sandwich. Nur dieser eine Satz.

Für das Übrige gibt es keine wirklich bleibenden, gar allgemein gültigen Antworten, da überdies wie bereits erwähnt keine Fragen gestellt werden. Die Sätze indes bleiben so bestehen und in Gebrauch.