Und dann

Photo by Sasha Freemind on Unsplash

Werde ich vielleicht heute Nacht
Etwas zu viel genommen
Und getrunken haben,
Und dann, geboren
Werde ich vielleicht heute Nacht
Etwas zu viel gesponnen
Und besungen haben,
Und dann, verloren

Werde ich vielleicht heute Nacht
Etwas zu oft verkennen
Und ertrinken lassen,
Und dann, vergessen
Werde ich vielleicht heute Nacht
Etwas zu oft benennen
Und gelingen lassen,
Und dann, besessen

Werde ich vielleicht heute Nacht
Etwas so stark begehren
Und ersehnen wollen,
Und dann, blind fluchend
Werde ich vielleicht heute Nacht
Etwas so stark verzehren
Und mit Tränen wollen,
Und dann, still suchend

Werde ich vielleicht heute Nacht
Etwas so sehr vermissen
Und von da an müssen,
Und dann, sehr leis‘
Werde ich vielleicht heute Nacht
Jemand so sehr küssen
Und nichts mehr wissen,
Und dann, dann … wer weiß

© Simon-Christian Karuhn 2021

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Interludium – Zwischenstand

Anfangen, schreiben, alles aufschreiben, offen, ehrlich, ungeachtet aller Zweifel, was auch immer dabei rauskommt. Sowas strengt an.

Dabei beginnt es hier erst.

Denn dann kommt das Auseinandernehmen, Neukombinieren, Totalüberdenken, bis es schön, klar, nah, echt ist, des Festhaltens würdig.

Furchtbare, karge Früchte zeitigende Arbeit.

So entsteht ein Pfad, irgendwo zwischen Aufgaben und Aufgeben, auf dem ich zunehmend häufiger innehalte, vereinzelt laut fluche, in Mikroschritten weiter tippe, lösche, neu ausdrücke, selbst verschuldetes Fetzendickicht mitschleppe, vielleicht kann ich dies und das irgendwo unterbringen, bis ich die nächste Lichtung erblicke, wo mein Hirn sich lockern, erholen kann, um daraufhin neu anzuspannen, um Formulierungen einzufangen, Witze einzuweben, gar Mahnungen in schmückende Texttalare zu gewanden, wer weiß?

Soweit der Idealfall.

In Wirklichkeit produziere ich in 23 von 13 Fällen Müll, genauer gesagt Ballast, der mich festhält, in den ich mich verkralle, da ich genau weiß, dass es besser wäre, die Finger ganz davon zu lassen, anstatt unaufhörlich dagegen anzurennen, diese turmhohe Mauer des Leistens, weil ich sie zu erklimmen suche und doch nur die Hände schrundig zerfetze, bis zur untersten Hautschicht, an rauen Anspruchsziegeln eigentlich vergangen geglaubter Realitätsferne.

Wie jetzt.

Dabei wollte ich einen leichten Spaziergang zurück, die Meilensteine vergangener Jahre durchstreifend, nach diesen im Vorübergehen mit Blicken tasten, Zahl um Zahl, bei Null beginnend, sich gleichmäßig steigernd, bis ganz dicht heran an die Gegenwart. Einen Spießrutenlauf machte ich daraus, was sonst? Empfände ich die inzwischen aufgebürdete Retrospektivserie nämlich als angenehm, wiese es in die falsche Richtung, da nur das schmerzt, was wahr ist, ohne mich zu fragen, ohne die berechtigte Frage zuzulassen, ob auch unbedingt wahr sei, was lediglich schmerze.

Dabei lese ich momentan gar nicht Dostojewski.

Wie auch immer: Ich kam bei den Punkt-Einträgen bis 20(.)09, Bergfest sozusagen, die zweite Hälfte überarbeite ich in Abgeschiedenheit das letzte Vierteil, schier darüber zu verzweifeln versucht. Ich veröffentliche die letzte Dekade, das ist gewiss, doch auf welche Weise 20(.)10 bis 20(.)19 erscheinen, das weiß ich noch nicht. Gewinnen kann ich nicht viel, deshalb konzentriere ich mich zunächst aufs Umsetzen, zu verlieren ist höchstens einige Gran Zeit und Lust.

Weniger darf nicht passieren.

Daher sorge ich vor, beuge mich wenigstens dem pulsenden Rhythmus, verkehre die Polung, bis letztlich egal ist, wem die Werke dienen. Verständlicher ausgedrückt öffnen sich in den verbleibenden zehn Wochen zehn Gedichte oder Geschichten statt der übrigen zehn Jahre. So hofft der chronische Autor auf eine Erleichterung, die gleichermaßen ihn sowie den strengen K. zufriedenstellt, welcher auf Einhaltung langwierig erkämpfter Regelmäßigkeiten pocht. Letztlich verdanke ich dieser Ritualisierung mehr, als Worte und Wörter zu fassen vermögen. Es wäre dolos, gerade jetzt müßig selbstgerecht zu sein.

Jedenfalls hätte ich nie gedacht, dass ich so weit komme.

Kürzlich vermittelte das eigene Empfinden jedoch, kaum einen halben Meter vorwärts gekommen zu sein. Wiederholt rutschte der gesetzte Fuß vom steinigen Pfad, sodass ich strauchelte, fiel, mich selbst bejammerte, trotzdem aufstand, erneut stolperte et cetera et cetera. Fest schlossen widersprüchliche Vernunft und jenseitige Perspektiven das aus, was ich anstrebte und noch verfolge: meinen eigenen Weg gehen.

Eigentlich war ich ja schon weiter.

Sicher, die Umstände schränken ein, ärgerlich unbeeinflussbar, nur verschulden sie höchstens fehlende Eindrücke, weniger mangelnden Ausdruck, worunter ich itzo leide („itzo“ bedeutet übrigens „jetzt“, bringt bei Scrabble mindestens sechs Punkte). Es war stets ein probates Mittel, dieses bewusste Innehalten und Atmen: Aufrecht sitzen, Augen zu, inhalieren durch die Nase, auspusten durch den Mund, bis zur merklichen Entspannung ganzer Muskelgruppen in Gesicht, Nacken und Schultern. Leider nahm ich fälschlicherweise an, dieser Technik entsagen brächte einen beträchtlichen Zeitgewinn – ein Irrtum, wie sich allzu schnell herausstellte.

Ich war wieder einmal kurz davor.

Die Unwucht überbeanspruchender Separation schliff mentale Kohlebürsten bis auf die Fassungen herunter, wie bei vielen anderen gegenwärtig auch, nur dass genanntes Verschleißmaterial glücklicherweise auf Lager befindliche Ersatzteile darstellten, ein zartbitteres Glück angesichts des randvoll geschriebenen Wartungshefts, welches vielerlei Unschönes und gleichzeitig kaum Vermeidliches dokumentiert, um jeden künftigen außergewöhnlichen Reparaturfall, wenn möglich, höchstens einmal zu behandeln. Im leer geräumten Keller liegen neben den Austauschressourcen immerhin ganze Werkzeugkoffer nützlicher Instrumente, die auf ihre Nutzung geradezu warten. Ich tue gut daran, ihrem Ruf zu folgen, meine Selbstfürsorge wiederaufzunehmen und dem Wort auch das Wohl folgen zu lassen.

Das bedeutet, in einem Wort, Aufatmen.

Vieles ist viertel so schlimm. Die Fahrtwege über Land sind alternativ unterhaltsam heimisch investiert, in längere Schläfe morgens wie auch Filme und Serien abends, dazu Musik, Bücher (na gut, es ist ein einziges Buch), Hörspiele, was auch immer in die eigene Aufmerksamkeitsspanne zwischen zwei Röten fällt respektive passt. Früher oder später tippe ich aber etwas, schreibe wahlweise von Hand, es passiert einfach. Hinterher geht es mir weder besser noch schlechter. Mitunter bedeckt mich danach eine gewisse Leere – dank dieser ertrage ich den übrigen Tag.

Wen kümmert es da, ob dies sogenannte Literatur ist?

Ungleich wichtiger ist in diesen Stunden, bitte, ich bitte, dreimal bitte ich zu teilen, zu vermitteln, zu beherzigen: Nicht abstumpfen, nicht anschreien, nicht aufhetzen, nicht zuschlagen. Diese Schutzhaltung gerät ohne Beistand zum überschattenden, ermüdenden Kraftakt. Daraus resultiert wiederum (oder daneben gärt es zu) Frustration, es fehlt Geld, eigenes Zeitempfinden ist umgeworfen durch versandende Planung mitsamt Organisation, Pufferzeiten fressen einander. Von einem Punkt zum anderen hetzend, warten zwei Sachen darauf, dass die jeweils anders fertig ist. Ergebnisse bleiben natürlich aus.

Doch was hilft Schimpfen in Gedanken?

Aushalten und warten ist der gangbarste Pfad aller schlechter Wege. Der Zusammenhalt entblößt sich indes für Irrwege und Schadensstiftung, probiere ich altgediente Tugenden nicht wenigstens einmal aus. Nichts und niemand soll versehren, weil mir Verstand, Verständnis, Standhaftigkeit fehlen.

Lieber halte ich still, bis es vorbei ist.

Es kostet ja kein Vermögen. Ungleich schlimmer träfe mich, läge die liebgewonnene ältere Nachbarin bald auf dem Samtgemeindefriedhof, sechs Fuß unter verschämter Bekränzung, der ich meine Texte nicht im Austausch für die ihrigen geben konnte, weil ich mit anderen nach auf ewig verlustig angenommenen Freiheiten schrie.

Ich will nicht, dass es auf diese Weise vorbei ist.

Vielmehr wünsche ich mir, dass meine weitaus bessere Hälfte und ich die Nachbarin beim Hundespaziergang antreffen, wie vormals, sodass wir belanglos plaudern, sie einen dilettantischen Ordner persönlicher Zeilen in Händen hält, damit es das Miteinander vom Plakat ins Geschehen schafft, in Augenhöhe oder auch Echtzeit, unverfälscht.

Ist das zu viel verlangt?

Nein, ist es nicht. Vermessener ist es, die Antwort auf die Frage zu verlangen: „Wann wird es so weit sein?“ Es ist offensichtlich, dass ich auf den Rändern sämtlicher Sitzflächen herumrutsche, im Innen brennt die Lunte herunter, und in Ermangelung anderweitiger Beschäftigung schaue ich mir selbst dabei zu, ob es möglich ist, im Dreieck springend einen Punkt zu würfeln, während ich mich hochkant im Kreis drehe. Ich bin alles andere als seelenruhig. Dermaßen schwer begründbar unzufrieden, gewissermaßen ausgehöhlt aufgekratzt, klinge ich manchmal konservativer als ich es je für möglich gehalten hätte. Ist das ein vorübergehender Zustand, dieses aus beschränktem Siechen resultierende Denken? Oder verfestigt sich derlei unabänderlich altersbedingt?

Hoffentlich nicht. Bitte nicht.

So. War anstrengender als gedacht. Und lange hat es gedauert, meine Güte. Das Ende sollte positiv schließen, mindestens in sanfter Gleichmut. Der Ist-Zustand, nun ja: er wackelt, es kam mehr zur Sprache als wichtig war. Aber es ist, was es ist. Liebe ich die Wahrheit wirklich, wie ich es mich gerne sagen höre, bleibt es wie beschrieben: Zehn Texte in zehn Wochen, immer freitags, Aphorismen dafür an jedem bekannten Montag, danach – keine Ahnung.

In diesem Sinne:

Bis neulich.