M. – Ein Fragment

»(…) K. versuchte ein unverfängliches Thema zu finden, einen Allgemeinplatz, zu dem jeder in der Gruppe Zugang hatte, doch vergeblich: M. hatte sich bereits warm geredet und begann über die Europatouren seiner Motorrad fahrenden Kontakte zu dozieren, die zufälligerweise Hells Angels waren.

M. war ein längst ausgewachsener, weil über fünfzigjähriger Mann, exakt 179 Zentimeter hoch, dezent bebrillt und faltenverziert, ohne wirklich alt auszusehen. Neben Muskeln und Fettpolstern, sorgsam über den ganzen Körper verteilt, nannte er breite Schultern und etwas kurz wirkende Beine sein Eigen, die gerne in sockenlosen Füßen mit Sandalen endeten. Das Gesicht verriet keinerlei Anzeichen einer vergeistigten Natur, sondern war stets sauber rasiert und mit blaubraunen Augen, einer mittelprächtigen Nase ohne Anzeichen bemerkenswerten Alkoholkonsums sowie einem unerlässlichen Mund versehen. Ein Paar Ohren und sich zurückziehendes, graues Haar ohne Vogelnest rundeten die Erscheinung ab. Er trug gern T-Shirts ehemals mehr oder minder provokanter Musikgruppen und ausgewaschene dunkle Jeans.

Sein Charakter bestand aus den Eigenschaften und Tätigkeiten von Persönlichkeiten, welche er angeblich oder tatsächlich kannte, und er redete unermüdlich über diese seine Verbindungen, Bekanntschaften, Freundschaften, wann immer jemand den Fehler machte und ihm durch eine kurze Pause im normalerweise zwanglosen Gespräch die Gelegenheit zu erzählen gab. Meist waren es Menschen mit einzigartigen äußerlichen wie innerlichen Merkmalen, die sie scheinbar herausragend machten, und die er natürlich so gut kannte wie kein anderer.

Manchmal jedoch entfuhr ihm das Missgeschick einer gewöhnlichen Anekdote, von Dingen, die er selbst erlebt hatte, die ihn im allerschlechtesten, also allzu biederen Licht dastehen ließen, so glaubte er es jedenfalls. Das machte ihn dann derart nervös, dass er beinahe neurotisch eine weitaus bessere, weitaus glänzendere Geschichte Dritter, namenlose Prominente, die kein anderer als er selbst kannte, hinterher schieben und zum Besten geben musste, bis er sich wieder sicher fühlte. So eine Erzählung konnte durchaus ihre Viertelstunde dauern, da sie mehrere Episoden über einen größeren Zeitraum hinweg behandelte, welche er indes geschickt zu verbinden verstand und dadurch das Ganze selten ausnahmslos langweilig war, wenn man aufgrund guter Erziehung gewissermaßen gezwungen war zuzuhören.

Hätte er sich im geselligen Miteinander darauf beschränkt, von sich und seinem Leben zu berichten, wären zweifelsohne einige nicht minder interessante Kapitel zustande gekommen. Er ahnte aber, er fühlte sozusagen, ohne es benennen zu können, dass in einer Kultur des Vorzeigens aller Besitztümer, auch der geistigen, die Reduzierung auf das Wesentliche und eigentlich Schöne nutzlos bis unerwünscht war, und so prahlte er fortgesetzt, bis man ihn mindestens für so wichtig hielt wie er es für sein eigenes Wohlbefinden benötigte. Also bestand er aus den Einzigartigkeiten anderer Leute, genauer gesagt aus den Erwähnungen ihrer Einzigartigkeiten, die zu kennen er nicht unterließ zu bekräftigen, ein eigentlich trauriger, maskierter, unerfüllter Mensch.

In seiner derzeitigen Arbeitslosigkeit traf man ihn tagsüber, auch bei bestem Wetter, ausschließlich im Garten an. Dort rauchte oder dampfte er in den Schaffenspausen, zwischen Unkrautentfernen und Heckenschneiden, nach dem Rasenmähen oder auch währenddessen, bis seine Frau, frisch von der Arbeit und in letzter Zeit kurz vor dem Nervenzusammenbruch, ihn zum warmen Abendessen rief. Er hatte zwar die Zeit, doch nicht das Wissen, für beide zu kochen zur Verfügung, und das lag unter anderen daran, dass er ein Mann war. Er kümmerte sich um den Garten und ließ überdies seine Gattin weitestgehend verschont, von einigen Schimpftiraden über die Arbeitspolitik im Allgemeinen und die Arbeitsagenturen im Besonderen, die hin und wieder am Essenstisch ihren Weg in die Außenwelt fanden, einmal abgesehen.

Vor dem Fernseher endete für gewöhnlich der Tag, jeder Tag eigentlich, auch und gerade an Wochenenden, und diese durchaus nicht schädliche Routine (nein, ein Liebesleben gab es nicht mehr, es war vor einiger Zeit in gegenseitigem Einvernehmen eingestellt worden) wurde nur durch halbjährliche Camping-Urlaube an ein und demselben Ort, welcher an einer der verbliebenen deutschen Seeküsten lag, unterbrochen.

Und dieser M. saß nun neben K. und versuchte ihm etwas über die momentane Wirtschaftslage Südeuropas anhand der Eskapaden „seiner“ Hells Angels in Spanien und/oder Portugal zu erklären, denen er sich in gewisser Weise verbunden fühlte, von welchen er sich jedoch in scharfer Abgrenzung als nicht zugehörig erkannt werden wollte.

K. sah auf sein Smartphone: genau 8 Uhr 15. Es waren noch 45 Minuten bis zum Beginn des Tagesprogramms. Dieses Frühstück war eigentlich schon lange vorbei. Die belegten Brötchen einige Etagen tiefer, wahrscheinlich machten sich die Magensäfte bereits eifrig daran, alles Mögliche zu spalten und weiterzuleiten, meldeten K. Vollzug in Form kaum merklicher Geräusche, das Nachknurren nach der Mahlzeit. Er hatte insgesamt nur vier Minuten für das Essen gebraucht, den Kaffee nicht mit eingerechnet.

M. redete weiter von Elendsdörfern, die „seine“ Kraftradführer auf der Reise im Süden durchfahren hatten, endlos wirkenden Straßen an der iberischen Rundumküstenlinie, von Sprachbarrieren und Saufgelagen, und irgendwann hörten K. und die anderen auf zu nicken, denn das Wichtigste – die Bekanntschaft M.s mit den Hells Angels – war bereits gesagt worden, außerdem verstand J. von seiner Heimat Portugal weitaus besser, weil langsamer und rücksichtsvoll, zu erzählen. (…)«

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Zehn Punkt Vier: Vegan(z) oder gar nicht?

Hinweis zu Befindlichkeitsunverträglichkeiten: dieser satirische Text kann Spuren von Hyperbeln, Ironie, Paradoxa, Verfremdungen und auch Wahrheit enthalten. Er ist in letzter Minute weitestgehend entschärft worden und dadurch fast wieder langweilig.

Wie weit geht Liebe? So weit es geht und gemessenen Schrittes, aber bei weitem nicht so weit wie Fanatismus, Gott sei Dank, dieser blinden Obsession, die nichts mit Liebe zu tun hat, noch nicht einmal mit Verliebtheit, es sei denn Verblendung. Pferde müssen mitunter Scheuklappen tragen, Menschen versetzen sich selbst in diesen Tunnelblick. Nicht selten mündet eine solche Sichtweise in salziger Suppe, versalzen Suppenartiges, um ganz genau zu sein. Man verdirbt sich selbst den Genuss. Aber eins nach dem anderen.

Liebe geht durch den Magen, so heißt es, ohne es sich oder irgendetwas vorsätzlich zu verderben, das sei an dieser Stelle einfach mal hinzugefügt, und das ist gesund. Das heißt: ist es das?

Der Autor hiesiger Wortrotten liebt die Sprache, vor allem die niedergeschriebene, es ist nichts weniger als nährstoffreiches Futter fürs Hirn und was da noch so mit verbunden ist.

Seit Jahrzehnten grübeln die Forscher und forschen die Grübler am auffällig weit verzweigten Nervengeflecht im und um und rundherum des Verdauungstrakts. In mindestens einer uralten »Spektrum der Wissenschaft« haben sich lauter kluge Leute darauf eingelassen, sich darüber auszulassen, dass dieses Ballungszentrum nerviger Enden, äh: von Nervenenden und -knoten so eine Art Befindlichkeitshirn darstellt, das sogenannte enterische Nervensystem. Es erklärt bequemerweise vieles: das komische Gefühl bei Sachen, die nicht koscher scheinen, den Frühling im Bauch, Kolonspasmen (K58.9 gem. ICD-10!) bei Lampenfieber, derlei.

Schon gewusst?, aus der Reihe „Obsoletes Blendwerk für Fortgeschrittene“

Wie auch immer, einiges ist schwierig zu verdauen oder liegt ebenso schwerwiegend im Gescheide.

Beim Lesen ist es die sich im ständigen Wandel befindliche Sprache, beim Essen ist es … Essen, nehme ich an. Insbesondere gegenwärtige wie zukünftige Worte klingen nicht nur sperrig, holzig und ebenso geschmacksarm wie im praktischen Gebrauch kaum handhabbar, sondern sie lassen mitunter so laut auflachen, dass sich nicht wenige am Nebentisch persönlich attackiert fühlen und mensch selbst keine andere Wahl hat als einfach die/der/das Erste zu sein, welche*r/s ausruft: „I’m offended!“, warum auch immer, irgendetwas findet sich sicherlich.

Wie werden wohl dereinst Buchstabenkohorten aussehen, die vollen Ernstes verwendet werden, aber das Lustspiel eines Varietés zur Schau stellen? Hier ein Exzerpt ureigenster Kopfkapriolen: »eingemüste Fans« – »Chili Con Farne« – »Sammlermeister« – »dunkles Unbunt ist das neue Schwarz« (schwarz = hate speech) – man darf gespannt sein, welche laharartigen Umwälzungen noch auf die deutschsprachige Landschaft zukommen werden.

Inzwischen warten oder sparen wir gleich Wörter auf die erste gendergerechte »diversity novel«, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit kafkaesken Literaturpreisen ausgezeichnet werden wird, kafkaesk insofern, als dass die Auszeichnungen wie aus dem Nichts erscheinen werden und jeder vor dem andere so tun wird, als ob es seit Gründung der Erdscheibe auf Elefanten auf der Schildkröte so gewesen sei. Wobei das eher an Orwell erinnert. »Ozeanien hat sich doch schon immer im Krieg mit Ostasien befunden, oder?« Wie nennt man solche eine Amalgamierung? Kafkaorwellschsk? Keine Ahnung. »Schräg« reicht für’s Erste auch.

Und, um auf das hypothetische Werk aus dem Bereich Fiction zurückzukommen: schräg wie inhaltsleer wird es das Erstlingswerk eine*r/s Transhumanist*in werden, das ist gewiss. Eigentlich braucht man nach Veröffentlichung nur die Tage zu zählen, bis ein Online-Award das Buch mit dem »Doppelplusgut-Preis« auszeichnet.

In diesem Fall werde ich ernsthaft über eine Karriere als Landvermesser nachdenken, meine Vornamen in Henry David umändern und mich auf die Suche nach einem Schloss nahe Concord machen, und zwar egal welches Concord, ich werde einfach alle Concords des Erdenrunds abklappern, bis ich selbst klappere, umklappe, verklappt werden kann, und Vorhang.

Denn wenn die baldige Realität Satire Wirklichkeit werden lässt, wer braucht noch Autor*innen, die sich das ansonsten akrobatisch ausdenken, um eigentlich lediglich unterhaltsam vor Augen zu führen, dass es solange noch nicht allzu schlimm ist, wie folgenlos darüber gelacht werden kann, was genannte Schriftstellende kreieren? Der Writers Room der Simpsons hat sich vor einiger Zeit Trump bis in die letzte, lächerlichste Konsequenz vorgestellt, nun karikiert der Narr diese Narrative, indem er nicht aufhört sie zu wiederholen und auf irritirende Spitzen zu treiben.

Aber wir waren noch beim Essen.

»Veganer sind Söldner.«

Wie klingt das? Gar zu reißerisch, polarisierend, nahezu billig kopiert. Jeder einzelne Vorwurf stimmt haargenau. Das, was dem Verfasser die Suppe zu salzig werden und ihn solche Sprüche speien lässt, ist das natriumchloride Missionieren selbsternannter Veganer, die nicht in Ruhe essen, sondern das Essen ruhen lassen, um mir zu sagen, was ich wann vor allem wie und wie nicht essen sollte, weil ich ja auch mal an die Tiere und Pflanzen und Umweltbelastung und mein schlechtes Gewissen denken sollte, was ich tatsächlich ständig tue, aber das kann ich meinem Gegenüber ja nicht klar machen, denn sie/er/es redet immer noch, keiner kommt zu Wort als sie/er/es, und so kommt gar nicht zur Sprache, dass ich eigentlich auf ihrer/seiner/dessen Seite bin und kaum noch Fleisch esse.

Eigentlich.

Aber sie/er/es bleibt höchstselbst redend und gefälligst kein*e andere*r/s und ich somit stumm, und schon ist es mit der Sympathie dahin. Stattdessen kommt Wut auf, zorniges Unverständnis ob dieses Abziehbilds eines revolutionären Individuums, welches auf dem neuesten iPhone(!) zeigen will, wie schädlich allein ein Steak in Herstellung und Zubereitung sei. Ob ich jemals die Gelegenheit erhalten werde, jenen Gedankengang anzuregen, wie schädlich wohl das Umgraben von Unmengen Erde zum Schürfen seltener Erden wie Tantal für bloße Kinderhände ist, die damit zum Überleben der Familie beizutragen suchen, sich jedoch in Wirklichkeit qualvoll zugrunde richten, damit das neueste Smartphone-Modell auch hergestellt und appetitlich zubereitet werden kann? Fraglich. Und wahrscheinlich eine Vorlage für den Vorwurf, Whataboutismus zu betreiben. Well, whatever. Wir alle sind bloß Büttel irgendwelcher Ismen.

Und so stelle ich mir vor, wie diese beiden Gegensätze aufeinander prallen, in einer leider allzu möglichen Ausgangssituation, und sehe bereits ein satirisches Stück auf einer Kabarettveranstaltung beliebiger Wahl vor mir, bei der ein vegan lebendes, menschliches Wesen in einer konfessionslosen Mission der Wievielten Welt auch immer einem kurz vor dem Verhungern darbenden, quellenden Kleinkind auf Deutsch nacheinander die schädlichen, künstlichen, total unnötigen Zusatzstoffe in all den Lebensmitteln aufführt, die appetitlich vor dem hilflosen Jemand aufgereiht sind. Am Ende wird das entfremdete Kind mit belebtem Wasser abgespeist, muss Selfies mit dem militanten Samariter über sich ergehen lassen und stirbt noch vor Fallen des Vorhangs in Abwesenheit aller kolonialen Nachkommenschaften, die es zu dieser Tragödie Schluss führten. Aber das Weltbühnenstück wird es nicht geben, denn Tucholsky müsste es schreiben, und das geht ja leider nicht mehr.

Da schießt schon eine Frage quer: warum eigentlich Söldner? Gute Frage. Hier die schlechte Antwort: der Sold, in der Schweiz auch Salär genannt, war das Salarium, die antike Salzration als Bezahlung für bewaffnete Fremdkämpfer, entsprechend des Lohnes eines Landarbeiters, problemlos in Gold aufwiegbar, eine höchst wertvolle Auszahlung also in Naturalien, wie für Veganer gemacht, und es klingt so krass ausgedacht und absolut kurios, wenn es nicht so sonderbar wahr wäre.

Und was bekommt der Utopist für seinen idealistischen Kampf gegen Geflügel-, Schwein- und Rindmühlen? Ein über alle anderen Bewusstseinszustände erhabenes Gewissen, sein ganz persönliches El Dorado, die Lizenz zum Nölen, wenn wir schon dabei sind, und eine Losnummer für die Aussicht auszusteigen, und zwar zu den elysischen Feldern, vorausgesetzt sie werden nach dem ersten Februar nicht gedüngt.

Doch aus dem Nichtort wird durch Verneinung des Realen leider kein Ponyhof oder wahlweise der eine Berg der Wahrheit, es wurde schon versucht, natürlich ohne Erfolg. Wer sich dem Wunschbild, also der Illusion, hingibt, und die Wirklichkeit außer acht lässt, ist in einem Labor der Utopien besser aufgehoben. Denn die Gegenwart hat sich die Zukunft schon etwas anders ausgemalt.

Der Markt für vegane und vegetarische Produkte ist im Wachsen begriffen, Kenner der Materie, sogenannte Business-Hipster, sprechen von jährlich bis zu 20 Prozent. Und die dafür benötigten Fachkräfte für Marketing und Management kommen vor allem aus Feindesland. Söldner in grünen Tarnfarben. Da hilft der Studiengang Vegan Food Management nur ungenügend, zukünftige Mitarbeiter wie -streiter mit »Food Credibility« erwerbbar zu machen. Veganz, ein Vollsortimenter für rein pflanzliche Produkte, braucht bereits eine zweite Crowdfunding-Kampagne für frisches Kapital, nochmal eins Komma fünf Millionen Euro (das sind 2 x 1.500.000,- €!). Es gibt nach wie vor Produkte, die auf Inhaltstoffe wie Palmöl angewiesen, oder generell so schnödes Nebenwerk wie Verpackung und Versand nötig haben. Wo ist dort die Schönheit in der Wahrheit? Eventuell, und das ist dann schon Ansichtssache, im Pragmatismus.

Der Veganismus hat solange ein Vorlautsrecht, wie er ein nachhaltig gutes Gewissen ermöglicht. Ablasshandel, hochaktuell. Sobald er sich erübrigt oder mehr nervt denn lukrativ ist, wird er als Terrorismus über den Haufen geschossen. Oder glauben wir ernsthaft, dass sich jemand darum kümmerte, wenn sie/er/es nicht davon wüsste? Wie nennt man denn Leute, die von etwas überzeugt sind, ohne Beweise vorlegen zu können, die andere Unwissende überzeugen? Man nennt sie Verschwörungstheoretiker*innen, Gläubige, je nachdem welches fransige Ende man in Händen hält und daran zieht.

Wie weit geht unsere Liebe? Ist sie an Bedingungen geknüpft, ein Ablass im Gegenzug für taktlose Freiheiten? Oder ist sie, wie sie ist, egal was war und bleibt und noch kommt? Ist sie das, oder doch etwas anderes? Anders gefragt und umgemünzt auf mein Gepräge: liebe ich Tiere, oder liebe ich zu sagen, dass ich Tiere liebe?

Persönlich habe ich nichts gegen Veganer. Sie tun das, was wir alle tun müssten, um auch nur die Chance zu wahren, in Zukunft auf einem einzigartigen Planeten wie diesem leben zu können. So gesehen mag ich ihre Logik, ihre Botschaft. Allerdings habe ich definitiv etwas gegen Mitmenschen, die sich eine Meinung aneignen, um sich damit beziehungsweise anhand dessen überlegen zu fühlen. In der Psychologie, genauer gesagt in der Schematherapie, wird das der Bewältigungsmodus Überkompensation genannt. Von ganz weit oben herab durch etwas, das ich mehr zu haben meine – und du nicht. Predigende, vegan Fressende und Porsche-Vehikel Fahrende sind sich folglich nicht unähnlich. Und solch einen auf Status ausgelegten, öffentlichkeitswirksamen Humbug in Hamburg und auch in wirklich wichtigen Teilen der Erde kann ich nicht ausstehen.

Die Übergänge zwischen den beiden eben genannten Gruppen sind im Übrigen fließend: Mehr als einmal konnte ich bereits beobachten, wie eine Person aus ihrem Sportcabrio des eben erwähnten Karrenbauers stieg, natürlich in zweiter Reihe parkend, warum auch ein Klischee auslassen, irgendwo her müssen die Vorurteile kommen, nicht wahr?, und geraden Blicks das Geschäft ihrer Wahl betrat, zum Beispiel einen veganen Lebensmittel-Shop, der sich hochoriginell nach einem dystopischen Film benannt hat, oder doch nur ein Reformhaus.

Um wie viel ist es eigentlich teurer, sich vegan oder vegetarisch zu ernähren? Etwa 20 bis 40 Euro pro Woche und Person, alles Notwendige in Bio-Qualität einkaufen verdoppelt die Preise nahezu (diese Medianwerte sind allesamt diversen Foren entnommen, ergo kaum empirisch, geschweige denn repräsentativ). Entspricht bei Umstellung von »normal« auf »vegetarisch/vegan orientiert« einmal schick essen gehen oder wahlweise zwei Besuchen bekannter Schnellrestaurants – also finanziell gesehen, und das jede Woche zusätzlich. Ist das so aufwändig?

»Aber der Geschmack! Und die wichtigen B-Vitamine! Und dann die Proteine, also die Eiweiße und so!«

So oder ähnlich unken Omnivore und kennen sich plötzlich richtig gut in den Ernährungswissenschaften aus, natürlich in genau den Bereichen, die ihre Perspektive untermauern. Ausgerechnet sie – Männer üblicherweise, und auch einige Frauen, die Männern möglicherweise mangels eigener Überzeugungen nacheifern, was eigentlich traurig ist – sie also, die Bier und Chips und Schnaps und Dips und Brat- und Bockwurst und Gegrilltes in sich hineinschaufeln, gekrönt von Süßspeisen und Magenbitter und einem hauchdünnen Pfefferminzblättchen, bis der gesamte Wirtskörper aus den Nähten platzt, bäm! und die Lachnummer ist vorbei

Pardon. Ich verrannte mich soeben in meine eigene Meinung, wie unangenehm. Wo war ich? Ach ja: Männer (Frauen können sich auch angesprochen fühlen, ich bin in dieser Hinsicht äußerst, ja geradezu radikal liberal).

Sind nicht sie es, die geschäftigen Geschöpfe, die vor dem Spiegel stehen, nachdem sie pumpen waren und Aufbaupräparate in sich aufnehmen für künstliche, praktisch untaugliche Muskelberge, während sie über diejenigen lachen und sich lustig machen, die gleich ihnen sich eigentliches Gift verabreichen, weil niemand selbstbewusst ist und deshalb um jeden Preis danach getrachtet wird, als wertvoll wahrgenommen zu werden?

Aber das ist lediglich die Ansicht eines in der Mittelschicht herumliegenden weißen Mannes einer Frau und zwei Hunden und zwei Autos und zweimal die Woche in den Kraftraum. Ich sollte mich weniger aufregen, das Alter, das Alter … Alter, aber immerhin weiß ich, worüber ich rede.

Es ist ganz und gar nicht verkehrt, das Richtige zu tun. Genau deswegen ist es gut, sich selbst nach dem Warum zu fragen. Wieso will ich mich gesund ernähren? Weshalb möchte ich dieses tun und jenes nicht? Und warum ist es nie genug, egal wie viel es ist? Das Entscheidende bei alledem ist wohl, dahinter zu stehen, wenn auch nicht um jeden Preis und zum Verderben anderer. Dann ist wahrer Genuss, vielleicht sogar so etwas wie Liebe, nicht allzu weit.

Der sezierte Mensch, der mir das Essen madig zu reden versuchte, als ich noch wenig Ahnung vom Wahnsinn der Welt wusste, ist fiktiv, die Situation indes nicht. Es gibt Erfahrungswerte, die möchte man im Nachhinein lieber unerlebt glauben. Das Salz in der Suppe ist dessenungeachtet seit Anbeginn des Sprichworts vegan gewesen. Glück gehabt.

Der versetzte Glaube

Sie steht dort auf der Bühne
Und sucht mit ihrem Blick
Nach Augen gleich den ihren,
Und niemand sieht zurück.

Doch starren viele and‘re
Hinauf und sehnen sich
Nach ihr dort auf der Bühne:
Die Herren – bis auf mich.

Ich steh‘ hier auf dem Boden
Und find‘ um mich herum
Nur Knaben namens Männer,
Der Sehnsucht voll und stumm.

Auch ich starrte einst hoffend
Herauf zu einer Sie
Mit Augen gleich den ihren,
Sie aber sah mich nie.

Verknallt euch, meine Brüder,
Träumt es aus euch heraus,
Schickt eure ganze Hoffnung
Auf Höhenflüge aus.

In zirka einer Stunde
Scheucht man uns von hier fort,
Und sie – der Traum, die Bühne –
Verlässt dann diesen Ort.

Was allerdings bleiben wird,
Ist ein bestimmter Blick,
Und zwar der von euch zu ihr,
Denn sie schaut nicht zurück.

Und wenn ihr dann verlassen,
Entliebt, zu Boden schaut,
Den teuren Eintritt schätzend,
Im Herzen sanft beklaut,

Euch fragt, was das bedeutet,
In sie verliebt zu sein,
Beginn‘ ich milde: »Jungens,
Was zählt, ist nur der Schein.

Sie gab, wofür ihr zahltet,
Und suchte ihrerseits
Dort oben auf der Bühne
Für sich den Augenreiz.

Hier unten sind nur Männer,
Die wie die Knaben schau‘n.
Das ist vielleicht der Mütter,
Doch nicht der Frauen Traum.

So geht es endlos weiter:
Ihr wollt sie, sie will den,
Der nach Damen Ausschau hält,
Ohne sie anzuseh‘n.

D‘rum: Männer! Fühlt es weiter,
Bis hin zum letzten Stich,
Denn diese Emotionen
Verspürte ich, auch ich.

Sie machten mich zum Menschen,
Zu dem, der ich jetzt bin.
So hebt den Blick und sehnt euch,
Es ist ja halb so schlimm.«

Noch steht sie auf der Bühne
Und sucht das Augenpaar,
Das sie braucht und liebt und mehr,
Und das nie wirklich war.

Zehn Punkt Drei: Zeichen

Warum schreiben solche, die es können oder dies einfach tun, ohne groß darüber nachzudenken, ob sie gut darin sind oder schlicht über die Befähigung nach eigenem Gutdünken verfügen, indes sie nicht einen Gedanken daran verschwenden, dass das, was geschrieben wird, eine Bewertung verdient oder auch nicht? Mittlerweile ist der Verfasser dieser Zeilen der Ansicht zugeneigt, dass er sich der Ansicht der letzteren Gruppe anschließen sollte, denn dann kann der Beantwortung des Warum schön aus dem Weg gegangen werden. Die Frage wird dennoch beantwortet werden.

Wird etwas bleiben, nachdem wir gegangen sind?

Es wird unter anderem geschrieben, um sich selbst der eigenen Gegenwart bewusst zu werden, um sie anschließend etwas objektiver oder zumindest aus einer geringfügig anderen Perspektive betrachten zu können. Schreiben ist eine sehr schöne Form der Bewältigung von Erlebtem, sei es gut oder schlecht oder einfach nur passiert, und daher therapeutisch nicht zu unterschätzen. Schreiben und Lesen und Umschreiben und nochmals Lesen macht mitunter so viel Freude, dass die Zeit schnell vergessen ist, oder ein Termin, oder dass andere unserer Aufmerksamkeit würdig sind. Schreiben ist ein Beschäftigen mit sich selbst. Das ist nicht immer so toll, wie sich die andere oder der andere das Autorentum vorstellen, aber selten so blöd, dass irgendwann gar nicht mehr geschrieben wird. Immerhin kann Unerwünschtes jederzeit gelöscht, verändert, umformuliert werden. Am Besten ist es natürlich, wenn in größtmöglicher Ehrlichkeit Gedanken, Gefühle und Verhalten festgehalten werden, aber da ist jede*r glücklicherweise anders drauf.

Dann wird geschrieben, um sich anderen mitzuteilen, damit das Außen mitsamt Mitmenschen so präzise wie möglich vermittelt werden kann, was das Innen so vor sich hin weiß oder meint oder wenigstens so tut, als wäre Bestimmtes von Belang. Schreiben ist zwar nicht die beste Möglichkeit, aber eine der besten Arten, etwas für möglichst jeden begreifbar zu machen, sei es klein, sei es groß oder einfach nur da, und darum nicht allzu schwierig erlernbar. Wo für sprachbegleitete Musik nicht selten zuvor beziehungsweise währenddessen ein Instrument erlernt werden sollte, um den gewünschten Effekt zu erzeugen, und zum Tanz mitunter das Geschick, die Gelegenheit und nicht zuletzt die/der/das Partner*in, ist das geschriebene Wort nach erfolgreicher Alphabetisierung das Mittel der Wahl. Schreiben ist ein Erlernen des Kennenlernens, und zwar einer wie auch immer gearteten Verbindung zwischen Schreibenden und Lesenden. Das klappt bei weitem nicht so zuverlässig wie gewünscht, doch das ist nur menschlich. Idealerweise kann darüber gelacht werden, wo sich missverstanden wird, und das kann wiederum Ausgangspunkt für einen weiteren Text sein. Auch hier ist Ehrlichkeit nicht die schlechteste Wahl. Es bleibt jede*r/*m selbst überlassen, was wie wann verstanden werden soll oder nicht, das ist die interpretative Stärke der Schrift.

Was mich treibt zu schreiben, ist jedoch etwas Ureigennütziges. Ich benötige einen Abdruck meiner Selbst, einen gewundenen, möglichst alles abdeckenden Lebenslauf aus Myriaden an Wörtern und Worten und mehr, und deswegen halte ich mich für jemand, der ich wohl bin. Ich zerfalle, kaum wird der Blick abgewandt, in die immergleichen alten Scherben und Facetten, und der Bauplan zum Zusammensetzen, für mich, für andere, sind hinkende Texte, die alles erklären, oder genug um wenigstens zu wissen, wie es auf keinen Fall zusammenpasst. Es steht geschrieben, weil es nicht anders geht. Selbst wenn nichts bleibt, nachdem ich gegangen bin, will ich eine Vergangenheit, Ansichten von der Person, die so aussieht und handelt und endet wie ich. Wenn andere das ähnlich sehen und neben mir stehen und das Gefühl von Familie und Zuhause und einer vagen Zukunft geben, ist das sogar mehr als erhofft und muss natürlich ebenfalls festgehalten werden, in tausendteiligen Bilderrätseln oder doch Fotografien, da bin ich ausnahmsweise nicht wählerisch, nicht länger. Wie wäre es mit einem schlechten Wortwitz? Ich bin gekommen, um zu schreiben. So, jetzt habe ich etwas, wofür ich mich schämen kann.

Aber es geht doch viel tiefer als zugegeben. Die Vermittlung identischer Schwingungen auf bestimmten Frequenzen, wo der Empfänger die gesendeten Informationen mühelos dechiffriert, freudig erregt, und sich voll und ganz verstanden fühlt, während der Sender zunächst nurmehr darauf hoffen kann, dass so etwas tatsächlich passiert, wie schon mehrere Male geschehen, beispielsweise als ein jugendlicher Argentinier, welcher eher zufällig ein Gedicht vom außerhalb seiner Heimat weitestgehend unbekannten – und schon sind wir mittendrin, in dieser Emotion, zu verstehen und verstanden zu werden und sich verbunden zu fühlen und zu wissen, dass es wirklich so funktioniert, denn es ist kein Hirngespinst oder unerfüllbare Fantasie. Das vermag Sprache, so wie Musik und Tanz, auf einer für alle zugänglichen Ebene, so simpel und kraftvoll, so farbig und formbar, mal direkt, mal reich verziert, und jede*r kann dabei sein, wenn sie/er/es nur möchte.

Wird etwas bleiben, nachdem wir gegangen sind?

Ja, es wird etwas bleiben. Für die, die noch kommen. Oder wieder, so wie wir. Denn wir werden uns erreichen, wann immer wir wollen, in welchem Raum auch immer, sei es in diesem Text, sei es in einem anderen, letztendlich ist es der Ton, mit dem wir uns treffen. Unsere Höhen und Tiefen, die Berge und Täler, sie alle besitzen die gleiche Länge, ohne steril und leer zu wirken. Doch unsere ebenen Wellen löschen einander nicht aus: wir machen uns stark, wenn wir einander begegnen. Und das ist es, wofür ich da sein möchte. Nein: ich will.

Mit dem Herzen eines Hundes

Wie ich heiße?

Nehmen Sie es mir nicht übel, mein Name ist erst einmal unwichtig. Außerdem kennen wir uns gar nicht. Später, vielleicht, sage ich, wer ich bin. Jetzt aber ist etwas anderes viel wichtiger. Was das sein soll? Nun: darf ich Ihnen eine Frage stellen? Ich kann Sie beruhigen, sie ist weder zu intim noch sonderlich anstößig. Es interessiert mich Ihre Antwort. Sie erklären sich einverstanden? Hervorragend. Folgendes:

Würden Sie sich für Geld – oder heißt es gegen Geld? – ab sofort und für den Rest Ihres Lebens duzen lassen? Dabei ist es egal warum. Es geht dabei nur um Sie und Ihre Bereitschaft, für oder gegen Geld eine Kleinigkeit über sich ergehen zu lassen, diese Kleinigkeit aber sozusagen bis in alle Ewigkeit. Dabei gibt es auch keinerlei Einschränkungen: in Briefen vom Finanzamt, wenn Sie beim Arzt als nächste Person aufgerufen werden, beim Einstellungsgespräch, im zufälligen Gespräch in Bus oder Bahn – immer und überall, von wem auch immer, sei es vom kleinen Kind, welches gerade erst angefangen hat zu sprechen, sei es der Intellektuelle in der Blüte seiner Selbstherrlichkeit oder sei es ein seniler Greis, der zu den Tagen seiner anfänglichen sprachlichen Begabtheit zurückkehrt, sie alle duzen Sie.

Würden Sie es tun?

Ah, ich merke schon, Sie sind zu voreilig. Sicher, Sie können jetzt eine irrsinnig hohe Summe als Gegenleistung fordern, und diese würde Ihnen auch sicherlich überantwortet werden. Aber Sie verkennen (wie so viele andere auch, also können Sie in dieser Hinsicht völlig ruhig bleiben) den Ernst der Sachlagen ein wenig, und so springe ich Ihnen quasi als Geste guten Willens bei – eine vertrauensbildende Maßnahme, wenn Sie so wollen.

Tun Sie es nicht.

Das ist mein Rat an Sie, für Sie, suchen Sie es sich aus.

Denn es kann sein, dass Sie sich einen Geldbetrag wünschen und dann auch erhalten, der die Menge aller auf der ganzen Erde verfügbaren finanziellen Mittel in Gesamtheit übersteigt, und das alles nur für eine Person, nämlich Sie. Meinen Sie nicht auch, dass der Rest der Weltbevölkerung insgeheim neidisch wäre und in aller Öffentlichkeit propagierte, dass es nicht rechtens sei, wenn ein einziger Mensch so viel besitzt? Eine regelrechte Verfolgung würde einsetzen mit dem Ziel, dass Sie auf einen Großteil des Geldes verzichteten, wenn Ihnen Ihr Leben lieb sei (man würde es Ihnen so natürlich nicht sagen, sondern durch die Blume, die Botschaft bliebe jedoch unverändert) und Sie würden auf diesen Kuhhandel eingehen, weil Sie denselben Verstand besäßen wie Sie es jetzt schon tun, und so hätten Sie bald fast alles verloren, was Sie zuerst gewonnen glaubten, und das lediglich aufgrund Ihres Verzichts, nicht gesiezt zu werden.

Das klingt für Sie noch nicht schlimm genug? Gut, dann spinnen wir unseren hypothetischen Fall ein wenig weiter. Sie wären also, sagen wir: 99 Komma neun Prozent Ihres Vermögens verlustig gegangen. Dennoch blieben Sie mit Abstand der reichste Mensch der Welt. Was hätten Sie bis dahin erlebt? Eine regelrechte Rufmordkampagne, unflätigste Beschimpfungen, auch wirkliche Morddrohungen, wie sollte es anders sein. In den Medien wäre das allergrässlichste Bild von Ihnen gezeichnet, Sie würden das perfekte Feindbild geworden sein. Vielleicht hätte es es sogar dazu geführt, dass alle Feindseligkeiten unter den Völkern und Gruppen beigelegt worden wären, nur damit alle Kräfte dafür hätten verwendet werden können, Ihnen als Bedrohung Nummer Eins das Handwerk zu legen; so gesehen hätten Sie der Welt sogar etwas Gutes getan, aber das nur am Rande. Man hätte Kolumnen, Briefe, Videos auch an Sie direkt gerichtet, ungeachtet dessen ob Sie dies alles auch zur Kenntnis genommen hätten oder nicht. Wie hätte man Sie also angesprochen? Man hätte Sie geduzt. Was wird einem Gespräch denn sofort genommen, wenn das Du angeboten wird? Aber genau: die Distanz, die gerne mit dem Respekt vor dem Gesprächspartner gleichgesetzt wird, weil Distanz, ob diese nun künstlich erzeugt wird oder nicht, einfacher ausgedrückt und auch wiederum erkannt werden kann als Respekt, ob dieser nun aufrichtig ist oder nicht. Sie aber wären geduzt worden, ach was sage ich: die ganze Welt hätte Sie geduzt, und weil mit der fehlenden Distanz durch das Siezen auch ein ganz anderes Gefühl beim Aussprechen von Gedanken und Meinungen und natürlich auch Emotionen bezüglich ihres als ungerecht empfundenen Überreichtums mitschwänge, wären mit jedem Wort, jedem Satz, jeder ausgesprochenen Ansicht und Aufforderung an Sie direkt unaufhaltsame Verletzungen einher gegangen, es kann gar nicht anders sein, denn Sie wären nach wie vor ein Mensch wie jeder andere auch gewesen, ganz gleich was über sie behauptet worden wäre.

Bekommen Sie jetzt vielleicht eine Vorstellung davon, welche ungeheure Konsequenzen ein zunächst harmlos scheinendes Zugeständnis haben kann? Aber ich sehe schon, Sie zweifeln noch, am liebsten würden Sie mir ins Gesicht lachen, nicht wahr? Ich kann es an Ihrem Gesicht ablesen, an ihren Augen, ihren Mundwinkeln, dem Zucken Ihrer Nackenmuskeln. – Aber nicht doch, Sie brauchen vor mir nichts zu befürchten, ich will Ihnen ja nichts Böses! Es ist ein Gedankenspiel, nichts weiter, Sie sind einfach in die kleine Falle meiner aus Langeweile geborenen Spekulation getappt. Erlauben Sie mir nur, mein Experiment, wenn Sie so wollen, bis zu Ende auszuführen, es dauert auch nicht mehr lang, das verspreche ich Ihnen. Es soll ja letztendlich auch nur dazu dienen, Ihnen meine für Sie unsichtbare Entscheidung, die ich inzwischen getroffen habe, verständlich zu machen. Dazu ist es leider unerlässlich, ein wenig auszuholen, und das, tja, in einem etwas abstrakten Sinn.

Eingangs erwähnte ich den Begriff »Sachlagen«, und ich benutzte ihn bewusst in der Mehrzahl, denn die Pluralität wohnt allem Lebendigen inne. So wie eine Wirkung nicht die eine Ursache hat und in jedem Fall nur einen einzigen Verlauf kennt, entspringt eine Situation nie einer übersichtlichen Sachlage, kann also nicht isoliert betrachtet werden. Besonders bei Wahlen ist sehr gut zu beobachten, dass Politiker wie auch politische Experten dazu neigen, einige wenige Faktoren, die zu einem Sieg oder einer Niederlage führen, als ausschlaggebende Gründe anzuführen, woraufhin der eine oder die andere zurücktreten muss oder die Nacht hindurch feiert, je nachdem auf welcher Seite man steht. Es sind jedoch die Sachlagen, die einander durchwirken und so als Ganzes erscheinen, es sind ungezählte Partikel an Dingen und Menschen und Bewegungen und Abwesenheiten und noch so vielem mehr, die zu einem Sieg oder einer Niederlage führen, einem Rücktritt oder einer durchfeierten Nacht – und auch dazu, dass Sie sich überhaupt zu mir an diesen Tisch gesetzt haben. Denn warum haben Sie das getan? Weil alle anderen Tische schon besetzt sind, oder sie sind reserviert für diejenigen, die noch erscheinen werden, und einzig und allein an meinem Tisch, der, wie unschwer zu erkennen ist, eigentlich für vier Personen geeignet ist, fand sich für Sie noch eine adäquate Sitzgelegenheit, nicht wahr? Aber warum sind alle Tische belegt, wo es doch ein Dienstagvormittag ist? Ist es nicht so, dass heute ein Feiertag ist und sich die Leute bei diesem herrlichen Sonnenschein es nicht nehmen lassen, nachdem sie ausgeschlafen haben, einen komfortablen Brunch in einem der besten Restaurants der Stadt serviert zu bekommen? Und weshalb ist der »Goldkrug« unter den angesehensten gastronomischen Betrieben unserer geliebten Metropole? Nur weil es ein einziger Mensch für gut befunden hat und alle anderen seine Meinung hoch achten, ihm nacheifern wollen und deshalb dieses Etablissement mit einem zugegeben Sternekoch, der seinesgleichen sucht, mit Geld überschütten? Vielleicht.

In diesem Fall jedoch wissen wir beide, Sie und ich, es aber besser. Wir beide kommen mehrmals in der Woche hierher – ich habe Sie oft beobachten können, verzeihen Sie dies ungebührliche Benehmen, aber man merkt es sich wie von selbst, wenn Unbekannte Bekanntes tun und somit zu Vertrauten werden. Wie dem auch sei: Sie und ich beehren dieses Restaurant mindestens dreimal in der Woche, und weil wir beinahe Stammgäste sind, wissen wir, zu welchen Zeiten freie Tische ohne Reservierung zu bekommen sind, unter anderem dienstags zwischen 10 und 13 Uhr. Nun ist es zufälligerweise ein außerordentlicher, von gewissermaßen ganz oben angesetzter Feiertag. Sie aber lassen sich durch derlei nicht von Ihren Gewohnheiten abbringen, sondern beharren auf Ihren Besuch am Dienstag um zehn Uhr 30. Sie sehen, wir kennen uns schon länger, wenn auch recht einseitig. – Natürlich, Sie haben jedes Recht nun so misstrauisch dreinzuschauen, vor allem wo ich mich so seltsam und, wie soll ich sagen? antiquiert auszudrücken verstehe. Es wird gleich alles vorbei sein, versprochen. Sie betreten heute also die Räumlichkeiten und müssen feststellen, dass die halbe Stadt hier bruncht und die andere Hälfte bereits dafür reserviert hat, oder für das darauffolgende Mittagessen. Sie sehen mich, fragen mich, ob Sie an meinem Tisch Platz nehmen dürfen. Ich bejahe dies mit dem Zusatz »Solange Sie nichts dagegen einzuwenden haben, mit mir ein harmloses Tischgespräch zu führen«. Sie antworten mit »Natürlich nicht, sehr gerne sogar«, und ich bin sogar bereit, so weit zu gehen, dass ich einen nicht geringen Betrag wetten könnte, wenn Sie sich bei diesem »Natürlich nicht, sehr gerne sogar« nicht das Geringste dachten, zumindest nichts, was in die Richtung einer Besorgnis ging, nicht wahr? Sie brauchen darauf nicht zu antworten, man sieht es Ihnen ja an. Und nun, wo ich einen Monolog gehalten habe, noch bevor die von Ihnen bestellte Suppe eingetroffen ist, bereuen Sie es bereits, sich zu mir gesetzt zu haben, sich an einem Feiertag auf den Weg hierher gemacht zu haben, um zu speisen, ja es ist sogar möglich, dass Sie für den Bruchteil eines Augenblicks dieses Zwei-Sterne-Restaurants dafür verfluchten, zu existieren und hervorragenden Fisch zuzubereiten, ist es nicht so? Es ist so, bemühen Sie nicht erst zu protestieren, man sieht es Ihnen ja an der Nasenspitze an.

Und nun bringe ich es endlich auf den Punkt: es ist die Schuld der Sachlagen, dass wir heute und hier zusammensitzen. Es ist ein riesiger, unerhörter Zufall, dass wir uns miteinander bekannt machten. Und es ist eine unverantwortliche Leichtsinnigkeit von Ihnen gewesen, zu mir »Natürlich nicht, sehr gerne sogar« gesagt zu haben, obwohl Sie mich nicht kannten, ja nicht einmal wiedererkannten, obschon ich Sie ohne Weiteres zu meinem Bekanntenkreis zählen könnte, so vertraut sind Sie mir geworden. Noch bevor der Ober kam, wollte ich Ihnen das freundschaftliche »Du« anbieten, doch ich tat es nicht, und das aus gutem Grunde, wie ich nun feststelle. Sie können weder sich selbst beherrschen noch Ihr Gegenüber deuten, und nun bin ich es, der mich selbst einen Dummkopf schelten muss. Denn nicht Sie sind es, die mich mit Ihrem distinguierten Aussehen dahingehend täuschten, dass ich einen möglichen Freund in Ihnen vermutete, ja hoffte, dass Sie ein solcher sein könnten, obwohl ich Sie seit einigen Monaten lediglich eintreten, drei Tische weiter ein Mahl einnehmen und kaum eine halbe Stunde später diesen Speiseplatz wieder verlassen sah. Nein, ich wollte in Ihnen eine Persönlichkeit vermuten, einen gebildeten, gewandten, in jeder Hinsicht edlen Menschen, der meine Hochachtung wie Zuneigung verdient, Sie waren also nichts weiter als die unbescholtene Leinwand meiner Sehnsucht nach verbindenden Begegnungen, und ich lief, den betörenden Gesängen blind folgend, auf das doch zu vermutende, jedoch von mir gänzlich unbeachtete Riff eines Missverständnisses. Der Hund, der ich innerlich bin, suchte nach Zugehörigkeit und fand nur abgenagte Knochen, wie so oft und wie bald wieder, wie ich fürchte.

Wenn ich Ihnen nun das »Du« angeboten hätte, aber im Nachhinein herausgekommen wäre, wie es nun auch herausgekommen ist, dass Sie nicht der Mensch sind, den ich in Ihnen vermutet habe, ich hätte es nicht mehr zurücknehmen können, und diese kleine, eigentlich unbedeutende Entscheidung wäre binnen kurzem zu einer gesteinsartigen Last für mich geworden, denn nicht Sie täuschten mich, sondern ich mich höchstselbst, und nur aus Höflichkeit hätte ich Sie weiterhin geduzt, wir hätten, wer weiß?, sogar begonnen, zusammen hier zu essen, uns mal etwas Vertrauliches, mal etwas Amüsantes erzählt, und ich wäre Ihnen mitunter ein angenehmer Gesprächspartner geworden, während Sie Ihrerseits für mich – Ach, es führt zu nichts, weiter darüber zu spekulieren, und spekuliert habe ich für den Moment mehr als genug. Ja, es wird wohl stimmen, was mir mein Lehrer einmal sagte, da war ich kaum sieben Jahre alt: »Philipp«, sagte er, denn so heiße ich, »Philipp, du hast den Verstand eines Genies, doch das Herz eines Hundes. Ich hoffe, dass dieses Herz einen gütigen Herrn findet«. Ja, je länger ich in diesem Moment darüber nachdenke, umso eher bin ich bereit, ihm endlich zuzustimmen. Aber den gütigen Herrn werde ich wohl nicht mehr dafür finden …

Nein, erregen Sie sich nicht, es ist ja meine Rede, die Sie so empört, ich weiß es doch. Sie sehen auch nur aus wie alle anderen Gäste hier. Meine Gemütsverfassung wollte in Ihnen den verzweifelt ersehnten Seelenverwandten erkennen, den es doch nie hatte geben können, nichts weiter. Erlauben Sie mir bitte, mich zu erheben und Ihnen einen guten Tag zu wünschen. Sie brauchen, um auch das vorweg zu nehmen, nicht das Restaurant zu wechseln, um weiterhin unbehelligt essen zu können. Ich werde den Standort wechseln, es macht mir nichts aus, ich bin ohnehin, um noch einen Moment im Bild zu bleiben, eher ein Streuner. Leben Sie wohl, und versuchen Sie, so schwer es im Moment zu glauben sein mag, mich zu vergessen.

Wünsche wohl zu speisen.