16: Schon gescheh’n

… und ich schreibe, beginne mit Punkten, die zutreffen, denn das Interessante ist vorbei, wir erkennen es im Rückblick, selten währenddessen.

Als Tafeln dienen Rückseiten bedruckter Seiten, darauf hinterlässt der Lieblingsstift namens Kugelschreiber unterschiedlich lesbare Kreidespuren.

Im Zug von B nach A über C (Die tatsächlichen Ortsnamen sind dem Verfasser bekannt – Anm. d. Verfassers) ist nicht nur möglich entspannte Musik zu hören, Filme zu sehen, Bücher zu lesen, sondern unter anderem Kurzwerke kreieren, ein Blogeintrag auf Papier.

Zeit ist dafür vorhanden, reichlich sogar.

An manchen Tagen dauert es eine Dreiviertelstunde, von der Wohnadresse bis zur „ersten Tätigkeitsstätte“, wie das Finanzamt es standardisiert anführt, zurück natürlich auch, an anderen Tagen braucht es gut und gerne anderthalb Stunden.

Heute ist solch ein anderer Tag.

Wenn jahrelang nicht viel zustande gekommen ist, jedenfalls nicht mehr als ein Vierversgedicht oder launige Kleinstsatire, händisch erstellt, kaum ein Stück Papier im Format DIN A4 füllend, kommt es einem Neuerlernen gleich, dieses milde, manuelle Streichen von Schriftzeichen, chirografische Rehabilitation quasi.

Das frisch Geschmierte dann zu entschlüsseln. mit Abstand – räumlich, zeitlich – und ohne große Mühe, das erfordert ein gefühltes Aktivieren schulisch erworbener Fremdsprachkenntnisse, mit teils bemerkenswerten Ergebnissen.

Hierbei sei nicht gesagt, es kämen gute Texte dabei raus, Gegenteiliges ist der Fall:

Kryptisches verschwindet kurzerhand, wenn es unleserlich bleibt, auch nach mühsamen Dechiffriermethoden, nichts in der Kritzelei darauf hinweist, Sinn könne darin verborgen liegen, mittels Fußnoten, Kopfnoten, Gaunerzinken, was weiß ich.

Ein besonders gelungener Satz könnte dabei eliminiert werden, möglich, durchaus möglich.

Naheliegender ist jedoch die Vermutung:

Lesenden bleibt gnädigerweise erspart, bescheidene Sprüche zu konsumieren, und das ist zweifelsohne lobenswert.

Dessen ungeachtet bleibt das Problem der unaufhörlichen Produktion neuer Glyphen, in jedem Absatz mindestens eines dieser Unwörter, was kann man da machen?

Dota Kehr besänftigt über Kopfhörer, eingehängt in die Lauscher, prophylaktisch beugt sie Groll vor, der Blick taut, die Schrift fährt fort.

Sitzend hocke, nein: Beugend sitze ich äh … wie am besten vermitteln?

»Ein schwarz gewandetes Croissant führt den Stift.

Es trägt nicht täglich unbunt, der Kleiderfundus gab die heutige Kombination her, monochrom, unbunt, es muss eine zufällige Ausnahme sein, wahrscheinlich.

Das Plundergebäck sollte recht bald wieder zum Coiffeur, die obere Spitze wuchert krumig heraus, spätestens jetzt fiele es aus der Kategoire „Zum Anbeißen“.

Viel lieber interessiert es sich aber für den eigenen inneren Aufbau.

Im Augenblick sucht es mithilfe einer übermächtigen Suchmaschine nach der inneren Karte eines, nun ja: Croissants.

Die Maschine zeigt keine Suchtreffer an, beziehungsweise sie zeigt an, nichts finden zu können, was dem Gesuchten nahekommt.

Immerhin weiß es jetzt, dass der zugrunde liegende Teig touriert wird, nicht tourniert, denn Ersteres bezeichnet die Herstellung von Ziehteig, wohingegen Letzteres ein Schnitzen definiert, um diverse feste Lebensmittel zur Garnierung respektive Verzierung herzurichten.

Mit Bedauern stellt das Cornetto fest:

Sie ist lückenhaft, die literarische Topologie plunderteigiger Aufklärung, bedauerlich lückenhaft, nicht ein einziges Buch über es selbst ist zu finden, vielleicht noch mit die Anatomie erklärenden Grafiken, historischen Abhandlungen oder Zukunftsperspektiven und dergleichen mehr.

Nur einzelne Seiten tauchen auf, in halbverstaubten, gebraucht erwerbbaren Kochbüchern, auf dilettantischen Backblogs, zuweilen verfälscht in veganen Videokursen, ohne Weißmehl, ohne Eier, ohne Butter, ohne Geschmacksträger, au, das tut weh, so weh.

Da tröstet die Erkenntnis nur unzureichend, Veganer*innen ungefiltert ansehen zu können, was sie sich selbst verwehren, wissentlich wie willentlich.

Das Gipfeli beschließt leicht schmollend, keine militanten Vegetabilisten in sich aufnehmen, den einen oder anderen Hunnen ausgenommen, den er bereits gefressen hat.

Ja, das klingt gut.

Augenblicklich glättet sich der Bereich um seinen obersten, kalt goldenen Ring.

Es glänzt zufrieden vor sich hin, von gesundem Aussehen, durchfettet die Sitzpolster noch ein weniger mehr und macht sich die ersten Notizen für das nächste Privatstudienprojekt:

„Die Auswirkungen des Kipferls auf die Backwaren Mitteleuropas von der Neuzeit bis zur Postmoderne“.

Der Regen beginnt, von draußen wider Waggon samt Scheiben zu prallen, Tropfen für Tropfen für Tropfen.

Drinnen versinkt das dunkel verhüllte Croissant im Schreiben, gleich einer zunehmenden Mondsichel in sternengefluteter Wolkennacht, obwohl es Tag ist.

Wenn das nicht merkwürdig ist!«

Der Kugelschreiber kullert aus der Hand, in meinen Schoß, und ich erwache.

Ich bin doch ein Mensch, oder?

Ein kurzer Check der Extremitäten bestätigt es; Backwerk hat für gewöhnlich weder Hände noch Füße.

Schnell wieder den Stift aufnehmen, vom Schritt klauben, bevor es Flecken gibt.

Sieht man blau auf schwarz? Eher nicht, oder?

Wie auch immer:

Der Kurztraum war bemerkenswert, nahezu fantastisch, dennoch durchzogen von angedeuteten Wahrheiten denkwürdiger Natur.

Draußen ist weit und breit kein Wasser zu sehen.

Außerdem habe ich Hunger.

Was es nachher wohl zu essen gibt?

Erinnerungen flammen wehmütig auf, Szenen aus vergangenen Tagen, wo selbst kochen noch möglich war, und sei es nur einmal wöchentlich.

Eine gedeckte Tafel erscheint vor dem geistigen Auge, voll erlesenster Lieblingsspeisen, wahrscheinlich werde ich sie nie zufriedenstellend zubereiten, aber es wenigstens hätte versuchen können, ach:

Da sind Blätterteigrollen, mit Lachs und Spinat gefüllt; Gnocchi erblicke ich, Grana Padano soeben frisch darüber gerieben, in Sahnesauce und Kirschtomaten; es dampft ein Pilz-Nudel-Gratin in tönerner Auflaufform, dazu eine derart pfeffrige Knoblauchsuppe, dass man ganze Lauchzehen darin zu erkennen meint; auch ein Rucola-Basilikum-Salat ist dabei, angereichert durch Büffelmozzarella, Pinienkerne, Tomatenringe und leicht angegrilltem Schwertfisch; und natürlich Körbe voll des Knochblauchbrots, der Ciabattakanten, Fläschchen besten Olivenöls für den Hausgebrauch, welches mit Geld zu kaufen ist, und mittendrin zwei anstößig große Schalen, fast Bottiche je randvoll mit Aioli und Hummus.

Das Hungergefühl geht in Kohldampf über.

Alin Coen wiegt mühsam zurück in den Zustand vorübergehender Partialaskese.

Die Periphersicht bemerkt einen erfahren aussehenden Fahrkartenkontrolleur, der auf meiner Höhe stehen bleibt, mir aber den Rücken bietet, um sich der Person zu widmen, die auf der auf dem jenseits des schmalen Gangs gegenüberliegenden Zweiersitzreihe sitzt.

Mein Körper gibt die Hörnchenhyperbel auf, um eine Laugenstangenlinie zu formen.

Hände suchen in dunkler Tasche nach der Dauerfahrkarte, finden meine Geldbörse, nesteln umständlich besagte Berechtigung hervor, die festgelegte Nutzungszeiträume des Transportmittels genehmigt.

Die Linke reckt das Kärtlein empor, gerade in dem Moment, als der Schaffner eine halbe Drehung vollführt, mich erstaunt mustert und lakonisiert:

„Schon gescheh’n.“

Wahrscheinlich imitiere ich täuschend echt die Front eines Personenkraftwagens, denn er addiert:

„Das haben wir schon hinter uns. Beim Einsteigen haben Sie mir die Karte gezeigt, gleich am Hauptbahnhof.“

Er grinst und wirkt dabei 30 Jahre jünger wie mir gerade zumute ist.

„Alles gut, kann jedem passieren“, lächelt der Bedienstete mit Wissensvorsprung, begibt zu nächsten Reihe, das leichte Wort auf den Lippen:

„Guten Tag, die Fahrkarte bitte.“

Überrötet versorge ich sämtliche herausgekramten Habseligkeiten an ihren lichtlosen Aufbewahrungsort. Das mit dem Rotwerden passiert jedes Mal in einer peinlichen Szene, und das ist wiederum peinlich, so rot zu werden.

Auf jeden Fall sind Kohldampf, Hunger als auch Appetit vergangen.

Wenigstens gibt es nun etwas zu berichten.

Die Lautsprecheransage gongt sich über die -anlage an:

„Nächster Halt-“

Meine Haltestelle ertönt, heute ist es eine Ortschaft weiter, aus Gründen, eigentlich nur einem Grund, lapidar, lebenswichtig.

Erst- und Zweittasche übergeworfen, schaukele ich im negativ beschleunigenden Zug Richtung Ausgang:

Bloß nix anfassen, niemand anschauen, noch so ein Hochrotmoment.

Kat Frankie zähmt das Ausfeuern, das Blut ebbt daraufhin ab.

Endlich stoppt der Schienenschlepper, spuckt ein ungenießbares Croissant-Männlein im Schwarzrock zwischen seinen Seitentüren aus, welches mit seltsam entschlossenen Schritten das nächstgelegene Parkhaus ansteuert, dorthin, wo nur es selber weiß, was es vorhat, Musik hören, Filme sehen, Bücher lesen oder schreiben, Spuren mit Strichen und Punkten, endlich entzifferbar, retrospektiv, im Rückwärtsgang voran.

Ein entsprechender Bericht auf das Folgende wird, äh: folgen, eventuell, irgendwann, so es die Zeit dafür erlaubt.

Ach nein, vielmehr ach ja, ich habe dazugelernt, darum sagen wir es so:

Ich erlaube mir, Zeit dafür zu haben, auch dies zu erzählen, so wie es ist, diesem „Ist“ eine Stimme zu geben, die möglichst viele verstehen.

Darüber schreibe ich, und Punkt.

Das Produkt ohne Merkmale – Kapitel 1

weiße Sphäre

Hinweis: Folgender Text dient primär zur Übung. Er ist nicht zur Fortsetzung vorgesehen.

„Unmöglich.“

K. nahm das formlose Etwas erneut in die Hand. Es fühlte sich anders an als beim ersten Mal. Aber wonach? Es wollte ihm nicht einfallen, und das missfiel ihm sehr. Er sagte:

„Man kann nur verkaufen, wovon man weiß, was es ist. Daran arbeitet also Research?“

S. lächelte. Er antwortete:

„Nicht nur. Meistens kommt gewöhnliches Neues dabei heraus.“

K. schnaubte hinter seinem Schreibtisch, legte das Gebilde vor sich hin, musterte S. eingehend.

„Ungewöhnlich ist es ja.“

S. lächelte verstärkt.

„Nicht nur ungewöhnlich: unvergleichlich.“

„Aber wie sollen wir dieses, dieses -“ es fiel ihm tatsächlich nichts dazu ein, deshalb fuhr er fort mit „- Ding anbieten? Ohne Merkmale ist es nicht einmal ein Produkt. Sie wissen das genauso gut wie ich.“

S. erneuerte das Lächeln.

„Das ist so nicht ganz korrekt.“

K. antwortete nicht sofort. Ärgerlich durchwühlte er die einzige Schublade seines Schreibtischs, bis er hervorstieß:

„Ja, ja, ja! ‚Jedes unserer Produkte hat genau die Merkmale, die wir ihnen geben.‘ Ich kenne das Paper.“

„Dieser Satz stammt sogar von Ihnen, wenn ich mich nicht irre“, ergänzte S. lächelnd, denn er irrte sich nicht.

„Schon gut.“

K. hatte den letzten Blister Knoblauchkapseln gefunden. Er warf das Präparat ungezählt ein, ohne Wasser, eine Kapsel nach der anderen.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte er.

„Ein richtiges Produkt“, antwortete S. mit unverändertem Lächeln.

„Unsinn! Sie haben es längst. Ich soll mir was ausdenken, damit Ihre explodierenden Ausgaben Ihnen nicht letzten Endes um die Ohren fliegen!“

K. griff zur leeren Wasserflasche auf dem Tisch, entdeckte den fehlenden Inhalt, überlegte einen Moment und stellte die Flasche zurück.

„Oh, da liegen Sie falsch,“ lächelte S., doch dieses Mal fror das Lächeln ein.

„Ja natürlich! Sie waren schon beim Vertrieb, oder? Und C. hat Sie zu mir geschickt. Klar, mit mir kann man es machen! Immerhin habe ich nichts Besseres zu tun, als mir Nichtigkeiten auszudenken!“

K. schnellte hoch, griff sich das bis dahin unsichtbare Sakko von der Rückenlehne des Stuhls und verließ mit wenigen, wuchtigen Schritten den Raum durch die offenstehende Bürotür, rechts abbiegend, ohne S. wie auch dessen Etwas eines weiteren Wortes zu würdigen.

Doch S. ließ nicht locker, hechtete mit seinen kurzen Beinen dem Fliehenden hinterher, schloss im Flur die Tür hinter sich, eilte K. nach und passte die Schrittlänge an, so gut es ging, ein grotesker Anblick.

„Ja, zugegeben: Ich war zwischenzeitlich bei C., und er verwies mich kurzerhand an Sie.“

S. machte Anstalten, erleichtert zu lächeln, während ein Gegenstand in seine rechten Hosentasche glitt.

„Und? Weiter?“

K. trug das Sakko vor sich her, durchfuhr mit beiden Händen alle Taschen, innen wie außen. Schließlich zog er eine Geldbörse hervor, ein speckig glänzendes Ding, schwarz, offensichtlich prall gefüllt, besah sie zufrieden und steckte sie dorthin zurück, wo er sie gefunden hatte.

„Aber: Nein, ich teile seine Ansicht nicht. Jeder hier weiß, dass Sales ein fleißiges Drohnenvolk ist, nicht weniger und vor allem nicht mehr.“

Das Lächeln von S. wirkte verschwörerisch, er rückte K. unangenehm nahe, stieß ihn mit einem Ellenbogen in die Seite, nur leicht, dies alles beim Gehen, begann endlich mit:

„Keiner hier kann übersehen, wer den ganzen Laden über Wasser hält – wenigstens keiner, der einen Funken Verstand hat. Von wem stammt die gesamte Wien-Kampagne? Wer hat den einzigen A-Kunden dort mit den viralen Flickflack-Sekundenspots überzeugen können? C. etwa? Er schreibt es sich auf die Fahnen, sicher, aber diese spritzigen Ideen waren keinesfalls die seinigen. Es waren Ihre Ideen, mein lieber K., Sie waren es. Und Sie sind nicht der Mann mit den Nichtigkeiten, sondern der Mann mit den Wichtigkeiten.“

Im recht schmalen Gang kam irgendetwas Niederes in Bluse und Rock entgegen. S. behandelte es wie den Rest dessen, was ihn luftig umgab. K. nickte der Person zu, vielleicht gehörte sie zu ihm, eine Werkstudentin oder so etwas in der Art, er konnte es gerade nicht sagen.

Als Bluse und Rock vorbei waren, setzte S. K. weiter zu:

„Sie waren Wien, Sie fast ganz allein, wer weiß das hier nicht? Für andere hätte das problemlos gereicht, ins Board geholt zu werden. Gut, Wien war offiziell das Projekt von C., folglich kam er dorthin, wo er jetzt ist. Dass hier noch nie ein CMO im Board war – geschenkt. Ich kann Ihnen aber verraten: Die anderen Directors können ihn nicht ausstehen. Genauso wenig wie ich, das müssen Sie mir einfach glauben, genauso wenig wie ich ihn mag.“

Der Gang der beiden endete mit dem Flur vor zwei stählernen, kalten Aufzugstüren. K. hustete in die Armbeuge, drückte auf einen silbernen, kalten Druckknopf, der daraufhin aufleuchtete, fand jedoch keinerlei Anzeige. Dafür inspizierte er den grauen, kalten Teppichboden vor den Spitzen seiner Schuhe; S. beobachtete ihn bei alledem aufmerksam.

„Gut. Hören Sie auf mit dem Antanzen, ich werde noch ganz rot. Wie gehen wir es an? Ist es nur dieses eine Produkt, gibt es Variationen, geplante Innovationen? Kann es mit der nächsten Revision vielleicht fliegen, die Steuererklärung machen?“

Jetzt sah K. S. direkt an.

„Sie scherzen – das ist gut, sehr gut. Um es kurz zu machen: Wir können machen, was wir wollen. Sobald die Kunden unser Produkt in Händen halten, mein lieber K., …“

S. lächelte, holte den Gegenstand hervor, welchen er in die rechte Tasche seiner Hose gesteckt hatte, hielt es auf Augenhöhe.

„… werden sie gar nicht anders können als es zu kaufen. Hier, nehmen Sie es.“

K. streckte die Rechte vor, ein wenig zu ruckartig, um unauffällig zu sein, öffnete die Hand und S. ließ das Ding hineinfallen.

„Wie sind Sie eigentlich auf so eine Scheiße gekommen?“

Das Lächeln von S. erstarkte, sprang ins Hämische, verzog sich zur Fratze, beinahe wie – aber das kaltweiße LED-Deckenlicht ließ jeden im Haus unvorteilhaft aussehen.

„Beugen Sie sich vor, und ich sage es Ihnen. Dann wissen nur Sie und ich es.“

K. hielt die Sache umklammert, sein rechter Arm hing schlaff herab, wie zur linken Seite sein Sakko, das er geradezu zerknüllte. Er beugte sich vor, spürte den Atem von S. nah am linken Ohr, der ihm einflüsterte, hörte zu. Bald stauchten seine Augenbrauen die Stirn zu senkrechten Hautfalten, er fuhr zurück und starrte dem Geheimnisträger ins Gesicht.

„Das ist doch illegal!“ zischte K., ein leises Brüllen, doch deutlich genug, um bei Nahestehenden Aufsehen zu erregen; glücklicherweise befand sich niemand sonst auf dem Flur. Heller Glockenklang kündigte das Erreichen einer Kabine auf der Etage an.

„Durchaus nicht“, entgegnete S. lächelnd, „durchaus nicht. Weder ist es nachweisbar noch verboten. Also ist es unverdächtig und durchaus erlaubt.“

K. blieb still. Die rechte Aufzugstür glitt zur Seite, stand einige Sekunden offen, ging wieder zu, ohne dass jemand zustieg.

„Aber das ist nicht der Grund, warum Ihre Ausgaben so exorbitant hoch sind, stimmt‘s?“

S. schaffte ein weiches Lächeln.

„Früher war Schweigen selbstverständlich, wissen Sie?“

Es war ansteckend: K. grinste zurück

„Ja, ich weiß.“

S. nickte mehrfach, lächelnd, selbstverständlich, machte auf dem Absatz kehrt, ohne höfliche Verabschiedung, bei ihm fiel so etwas sofort auf. Er rief beim Weggehen, den Blick zur Seite:

„Vergessen Sie Wien, mein lieber K.! Wien ist ab heute Schnee von gestern! Sie werden sehen, mein lieber K.! Sie werden es schon sehen!“

S. hob den rechten Zeigefinger, richtete ihn gen Himmel, es war, als hörte man ihn tatsächlich kichern, bis er am hinteren Flurende rechts abbog, irgendwohin verschwand.

K. sah ihm nach, atmete tief durch. Dann erinnerte er sich an das Etwas in seiner Faust, hielt diese hoch, öffnete sie, beäugte kritisch, was sich darin befand, roch sogar daran, mit raschen Blicken links und rechts. Die Ahnung kehrte zurück. Er wog das Unding in der hohlen Hand, vergaß völlig, wohin er zuerst wollte, schluckte schwer – in der Mundhöhle verblieb ein Geschmack von Metall.

Da durchfuhr es ihn, so deutlich, dass Gesicht sowie Hand aufs Schrecklichste verkrampften:

Es war pure Abscheu.

© Simon-Christian Karuhn 2020

15: an jedem Fuß

Dritter Versuch.

Der leichte Witz ist erneut abhandengekommen, zu kompliziert denkend, zu weit voraus sein.

So verflüchtigt sich der Augenblick, bleicht im Heute des gestrigen Morgen aus.

Das Lächeln strandet auf der Strecke.

Liegt es am Verfassen mit falschen Ambitionen?

Oder stimmt es, dass ich schlecht schreibe, wenn es mir gut geht, und anders herum?

Die letzten Tage entsteht alles mit links, fast ausschließlich grob manuell, zunehmend verkrampft, daran mag es liegen.

Oder an den Kopfschmerzen nach 90 Minuten.

Oder daran, dass eine selbst auferlegte Mindestverpflichtung doch zu zwanghaft ist.

Denn das sind 1000 Wörter, handschriftlich drei bis vier Seiten DIN A4, jeden Tag, besser mehr, keinesfalls weniger.

Selbst bei tagsüber zwei Stunden Abgeschiedenheit – illusorisch! – finge ich immer wieder neu an, käme zu keinem Ende.

Naja, wie jetzt, nur schlimmer.

Vorübergehend übertrage ich die Lesezeitration aufs Schreiben; die anderen Interessen sind längst wieder bis auf weiteres eingemottet.

Schreibend in der Bahn auf der Hinfahrt, auf der Rückfahrt, in den Pausen dazwischen, wann immer das Hirn unter seiner Schale nicht übermäßig pressiert.

Dabei würde ich gerne mehr lesen.

Ich glaube ja, Lesen und Schreiben können nur ineinander verschränkt gut funktionieren, je mehr Interessen nebenher, desto besser für den eigenen Stil.

Stattdessen quälen Mängel zusammen mit zu viel Schädlichem ein ohnehin skeptisches Wohlgefühl.

Obwohl nichts Fundamentales fehlt, scheint etwas innen vermissen zu müssen.

Das Meer möglicherweise.

Oder ein Eis.

Erdbeereis am Mittelmeer, das klingt gut.

Und unerreichbar, zurzeit.

Was bleibt zu tun?

Selbst eingebrockte Buchstabengruppen auslöffeln, ab und an süße Sprachspeise hinterher, nicht selten mit kaltem Satzkaffee.

Es ist günstig, recht angenehm, führt zu nichts.

Andererseits: Ich müsste schon kennen, was angeblich ausbleibt, um es herbei zu zitieren.

Doch mein Fuß schiebt lieber seelenruhig die angekettete Glaskugel vor sich her, als sie von sich zu schütteln, zu zerschmettern, dahinter zu entziffern, was wartet ausgerufen zu werden.

Es sind eigentlich zwei, einmal schön schwarz und eine klar weiß, so fragil scheinend, doch ein Zentner an jedem Schuh:

Einmal Gestern und ein Heute, die Lasten des Verfassten, vorläufig Ausformuliertes, beschränkende Bleikristalle abnehmenden Wertes.

Manchmal überkommen mich Fantasien, Gewesenes wie den übrigen Rest der eigenen Vergangenheit zu entsorgen, löschen, zerreißen und tschüss.

Wer verfügte darüber testamentarisch ebenso, ohne offen eingestehen zu wollen, dass es so nicht gemeint war?

Gut möglich, dass ich das damit sagen will und meinen Interpreten noch finden muss, oder er mich.

Ist das schon vermessen?

Die letzten Tage hindurch häuften sich Recherchen zu Schreibwettbewerben, zumindest geplanten Poetry Slams, derlei nennt man wohl ein gutes Zeichen.

Der musikalische Fundus füllt sich allmählich mit sowohl neuen Künstler*innen als auch alten, bislang links liegen gelassenen Komponisten, ein weiterer beruhigender Umstand.

Fehlen nur noch Filme, Freunde, Fühlbares, in meinen Augen wirklich Wertvolles.

Unterdessen reicht der Horizont kaum über die eigenen Zehenspitzen, die paar Lieder wiegen tonnenschwer, immerhin ist es Montag, der Augenblick ein müder Kugelkreis.

Etwas, das nach Fernsehflimmern klingt, weißes Transistorrauschen setzt ein, links, Richtung außen, ich drehe den Kopf:

Jenseits der Fenster setzt Starkregen ein.

Bald schwimmen Möwen vorbei.

War nicht eben noch Sommer?

Ungelenk richte ich mich auf, entsteige dem Bürodrehstuhl, verlasse bunt flackernd schwarze Schirme, stakse der Herabflut entgegen, die funkelnden Sphären, Ballast in Ketten, an Knöcheln stets hinterdrein.

Die Möwen sind zum Tauchen übergegangen.

Dicht vor den Mehrfachgläsern stehengeblieben meine ich undeutlich Schemen eines Wals oder Tümmlers zu erkennen:

Es ist mein feistes Spiegelbild.

Klarer kann sich der Feierabend nicht ankündigen.

Fünf Stockwerke über der Erde, unter Wasser, an befensterter Außenwand, gestehe ich, nicht aus eigener Kraft hier zu sein.

Hoffentlich hält das Glas auch alles zurück.

Zurück am Arbeitsplatz, sitzend, fallen sofort die vollgeschmierten Rückseiten bedruckter Papiere auf, blau, nur mühsam entzifferbar prangt Herausgedachtes, das mich nie zufrieden stellt, wie ich es auch anstellen mag.

Die Füße füllen sich, schwellen an, wollen wenigstens nochmals 1000 Wörter, als Ausgleich verkleidete Bestrafung, bevor sie mich zu entlassen gewillt sind.

Aber nicht heute, heute nicht.

Zum rauschenden Herunterfahren des Rechners sammeln sich die Habseligkeiten in ewig zu kleinen Taschen.

Um den Zug zu erwischen, müsste ich gleich, also jetzt gleich los.

Doch die Kugeln erstarken eisern, versteinern, eherne Fesseln trachten den untersten, tragenden, fortbewegenden Knochenapparat zu zermahlen.

„Pflicht und Schuldigkeit, Pflicht und Schuldigkeit!“ dröhnt es, scheint es von unten, innen, vielen Richtungen auf einmal auf mich einzuwirken.

Entweder verpasse ich meine Verbindung oder falle zurück.

Wie aus der Sache rauskommen, nicht nur aus dem Gebäude, möglichst unbeschadet, versteht sich?

Gedankenverpflichtet nesteln Fingerkuppen der Linken an – hey, Moment.

Womit die führende Hand herumspielt, sind um den Hals gelegte Kopfhörer, Bauart In-Ear-Bluetooth, Schrittmacher vermittels Songs, die lindern, trösten, ans Lächeln erinnern.

Wenn sorgsam gewählt angewandt, sind sie des einen oder anderen Wunders aus zweiter Reihe fähig.

Einer der Gründe, warum die Wahl auf dieses Exemplar fiel, besteht in seinen Silikonbügeln, zum sichereren Halt bei unwegsamen Etappen, und ebenjene Bügel klemme ich mir nun um lauschende Muscheln.

Ein langes Klicken auf das rechte, gegen den Gehöreingang gerichtete Element, durch die in das Gehäuse eingelassene Schaltfläche erwacht die Gerätschaft zum Leben, verkündet mit weiblich konnotierter Androiden-Stimme:

„Power on.“

Nach kaum einer Sekunde ist das Stereopaar, ans Smartphone gekoppelt, einsatzbereit:

„Your headset is connected.“

Auf dem persönlichen Kommunikator aus Glas wie allerlei Metallen bestimmt seit Längerem eine grün gelabelte Applikation, was gute, passende Musik für jede erdenkliche Stimmung zu jeder nur denkbaren Tageszeit ist.

Mitunter muss ich sie manuell mit externen Eingaben genrefremd speisen, um der ewig ähnliche Melodien und Textinhalte enthaltenden Filterfalle zu entkommen, aber ansonsten erfüllt sie ihren Zweck.

Einem Impuls folgend öffne ich die allwöchentliche Mische besagter App, scrolle inwendig umher, stutze, denke, dass es kein Zufall sein kann, ausgerechnet auf diese Musik zu stoßen, tippe däumlings auf den Titel, und im nächsten Moment schwemmt die unverwechselbare Kindheitsweise einer der mich mit Abstand am stärksten geprägten Zeichentrickserie das hervor, wonach ich versteckt gesucht habe:

Leichtigkeit.

Bevor ich im ansteigenden Beglückungsrausch sämtliche Handlungen ins Außen vergesse, markiere ich das spielende Stück, um dem Algorithmus mitzuteilen, dass ich in nächster Zeit genau das brauche, füge es der in Handarbeit gepflegten Playlist für Juli 20 hinzu, richte die Wiedergabeart auf Dauerwiederholung ein, verstaue den intelligenten Barren endlich in einer hinteren Jeanstasche.

Verwundert bemerke ich, dass ich stehe, von selbst aufgestanden sein muss, einfach so, ohne hemmenden Gedanken an die Kugeln, welche nach wie vor lichtbrechend schimmernd zu sehen, gliedkettig zu hören sind.

Sie haben an Gewicht eingebüßt, sehr gut.

Na, dann mal los.

Da-da-dat da-da-daa daah-daah, da-da-dat daaah…!

Tasche eins umgehängt, Tasche zwei geschultert, den Flur der Länge durchschlittern, klack, Transponder gegen Terminal, aus der Tür raus, Absätze im Treppenhaus, es klimpert und poltert, über Böden, in den Rücken, aber die Anhänge treiben irgendwie mehr an als dass sie hindern, sie schmerzen eh nicht.

Bestiefelt federn links-rechts-links-rechts die Füße ungezählte Stufen hinab voran, während der Kopf wie immer ganz bei sich is, wenngleich unbewölkt, tonbespaßt mitgerissen vom lebendigen Tempo.

Das Thema endet, beginnt gemäß getroffener Einstellung von vorne zu klimpern, ich bin in einem Nu draußen, auf Normalnull, gleich beim ersten Versuch, ha!

Wenn ich jetzt vornüber kippte, ich könnte sogar lachen.

Finger tippen den Takt an der linken äußeren Hosennaht.

Da-da-dat da-da-daa daah-daah, da-da-dat daaah…!

Regnete es nicht eben noch?

Egal, dann eben nurv Maske auf, gleich über Straße und Schiene, aber vorher noch: Achtung Straßenbahn!, sie bimmelt vorüber, ihre Schaufenster kopfbesetzt, dahinter schnell über den Platz, in die Bahnhofshalle, drinnen wird hoffentlich die Überdachung Trockenheit gewährleisten.

Aber es ist innen genauso nass wie außen, nämlich gar nicht.

War nicht eben noch Regen?

Die geballte, vermummte Menge durchquerend, ziehe ich gläserne Luftballons hinter mir her, mache ich mir meine zu großen Gedanken.

Ob es auf diesem Ausnahmekarneval jemandem ebenso ergeht?

Und wäre ich lieber Snoopy oder Woodstock?

Die Bahn hat Verspätung, sie fährt gar nicht durchnässt auf dem für sie frei gehaltenen Gleis ein, als ich den Bahnsteig erreiche.

Kann das sein?

Ach, dann war es Einbildung dort oben, lächle ich in mich hinein.

Augenblick mal!

Ungläubig tasten die äußersten Handenden hinter den Gesichtsstoff, während der Körperrest brav auf das Öffnen der Türen wartet, in gebührlicher Distanz zum Nächsten, fahren über die unteren Gesichtszüge: ein Lächeln, Tatsache.

Auch dann noch ist es unverkneifbar, nicht abzustellen, dieses Lächeln, es verbleibt stur, als ich längst im Waggon am Fenster sitze, mit Taschen auf und Kugeln unter den Knien, die rastlosen Augen hinausblickend, Wasser suchend, das nicht fällt.

Da-da-dat daaah!

Schon komisch, oder?

Manchmal hilft das Einfachste, Unkomplizierte weiter – sofern es nicht zu Tode gedacht wird, natürlich.

So etwas wie das das eigene Lieblingseis, zum Beispiel, abseits aller Gewissensbisse.

Oder eben die Titelmelodie von den Peanuts.

Was auch immer leichter macht.

Stift raus, Papier raus, noch einmal alles von vorn.

Und ich beginne zu schreiben:

Der Mann am Tresen

Der junge Mann? Ach so, Sie meinen den am Ende des Tresens. Ich dachte, Sie meinen den weißen Schnauzer in der Sitzecke – das hätte mich dann aber schon verwundert, wenn Sie den gemeint hätten.

Ja, der sieht recht aus wie ein Student, nicht? Aber der ist weit über 30 Jahre alt, hätten Sie das gedacht? Auf den ersten Blick mag es nicht so scheinen, ich weiß, ich weiß, doch schon wenn Sie einige wenige Schritte auf ihn zugehen, machen Sie das jetzt nicht!, aber Sie werden sehen, wie reichlich graue Haare an den Schläfen und vor allem am Haarwirbel am Hinterkopf hervorschimmern und glänzen. Sehen Sie, was er anhat? Er trägt immer das gleiche: Ein strahlend weißes, perfekt gebügeltes Hemd, schwarze Jeans, sportlich aussehende Wildlederschuhe in einer Farbe, die zwischen Sandkastensand und Safran lustig umherspringt, im Gegensatz zu dem Augenpaar des Trägers.

Jetzt schauen Sie doch nicht so auffällig vor den Tresen, er merkt es ja! Und wenn nicht er, dann merken es die anderen doch bestimmt. Glauben Sie es einfach, wozu soll ich Märchen erzählen? Auch bestellt er hier immer nur ein Glas Cola, dann ein Glas Mineralwasser mit wenig Kohlensäure, zum Schluss einen heißen Becher Zitrone. Kein Essen, keine Kurzen: Cola, Wasser, Zitrone, und dann Schluss. Zum Abschied winkt er kurz auf das leere Etwas vor sich, wo sein abgezähltes Geld liegt, es ist immer ein üppiges Trinkgeld dabei.

Niemand kennt ihn gut, außer ich vielleicht, und das, was ich über ihn weiß, habe ich auch nur durchs Beobachten. Mit ein paar anderen Stammkunden wechselt er kurze, oft stumme Grüße. Er ist keine verwahrloste oder abstoßende Erscheinung, im Gegenteil: Man gebe ihm nur eine Krawatte und Leben in seinen Blick, und jeder würde ihn für einen Außendienstler halten, der nach einem Arbeitstag mit mehreren hundert Kilometern über Autobahnen abschalten und runterkommen möchte. Stimmt’s oder habe ich Recht? Eben, ein ganz normaler Mensch. Er hat sogar ein eigenes Auto, es steht auf der anderen Straßenseite des Lokals, ein schwarzer Kombi, so wie es aussieht, ein französisches Fabrikat, aber das ist letzten Endes auch gar nicht so wichtig.

Kommen Sie mal näher, dann erzähl ich Ihnen was. Keine Angst, er hört nichts. Armer Kerl, eigentlich.

Er hat einmal geliebt, und zwar viel zu sehr. Hört sich erstmal drollig an, sicher, aber es ist wahr. Er und sie, das heißt seine ehemalige Gefährtin, lernten sich direkt vor dem Eingang hier kennen. Über ein halbes Jahr muss das jetzt her sein. Sie stießen vor der Tür zusammen, jeder von ihnen einen Coffee to go in der Hand, sie hatten es, jeder für sich, viel zu eilig, und so passierte, was passieren musste: sie kollidierten miteinander und richteten eine Riesensauerei an. Da mussten sie hier rein, den gröbsten Schaden auf den Toiletten beheben und saßen anschließend an einem der Tische hier vorne zusammen, ein wenig peinlich berührt und zuerst kaum etwas hervorbringend, bis sie anfingen zu lachen und dann nahm es wie von selbst seinen Lauf.

Sie hörten nicht auf zu reden, kamen zu spät zu ihren Terminen, es war ihnen damals so schrecklich egal, denn sie hatten einander gefunden, es war die Summe der Unwahrscheinlichkeiten, weshalb sie aufeinander stießen, so und nicht anders sagten sie es sich, ich konnte es ja deutlich hören von hier aus. Und dann sahen sie sich plötzlich mit lächelndem Schweigen an, und für einen wundervoll kurzen Moment war die Möglichkeit in der ansonsten leeren Stube, dass es für zwei Leben und ansonsten für immer halten könnte.

Klingt schön, nicht? Ist aber leider nicht von mir. Habe ich irgendwo gelesen, in irgendeinem klugen Buch oder so. Den Leuten fallen ja die tollsten Sachen ein, wenn sie zu viel Zeit haben. Aber das hat mir richtig gut gefallen, als ich es damals gelesen habe, und das war auch kurz nachdem die beiden, also er und sie, sich hier kennengelernt haben, und da muss ich das eine mit dem anderen verbunden haben, seitdem kann ich es nicht mehr auseinanderhalten, es passt für diesen Moment damals so unglaublich gut zusammen. Ich sage es fast auswendig her, und es klingt für mich immer noch nicht abgedroschen. Kann man das Schönheit nennen? Also ich finde es schön, und deshalb kann ich es gar nicht anders beschreiben als eben so.

Wie auch immer: Sie tauschten die Nummern, glaube ich, und kamen wieder hierher, für eine erste und eine zweite und noch einige Verabredungen mehr, sie passten so gut zueinander und bekleckerten sich mal unabsichtlich, mal liebevoll mit Zuwendungen und Neckereien, mitunter war es richtig schön anzusehen, unsereins ist auch nicht aus Stein, wissen Sie. So nach zehn Verabredungen und vier Monaten waren sie ein gewöhnliches Paar.

Und da begann er sie zu sehr zu wollen, fürchte ich. Er bemühte sich und kam ihr entgegen, nahm ihre Wünsche vorweg und ihre Bedürfnisse äußerst ernst, und das machte sie unsicher. Sie sagte in den paar Treffen, die die beiden hier noch hatten, immer weniger, das Smartphone wich nicht mehr aus ihrer Hand, und seinetwegen lachte sie noch über den einen oder anderen Witz von ihm, doch irgendwann ging auch das nicht mehr.

Das letzte Mal, dass ich die beiden hier zusammen sah, war an einem Adventsabend, ich weiß es noch genau. Die Bude war richtig voll, die Luft war stickig und sie und er waren zu dritt. Sie hatte ihren neuen Freund dabei und traute sich endlich ihm zu sagen, wie schön und wertvoll die Zeit mit ihm war, diese sechs oder sieben Monate, und dass das Leben nicht eine gerade Linie sei und sie ihm keinesfalls weh tun wollte, sondern vielleicht noch mehr liebte als noch zu Beginn, und vielleicht stimmte das alles ja, aber da gab es für ihn bereits kein Zurück mehr.

Interessant, jetzt wo ich das erzähle, denn sie muss ja richtig laut geredet haben, als hätte sie es darauf angelegt, dass es möglichst viele mitbekommen. Ich stand ja hier und es war richtig voll, mit dicker Luft und alles.

Naja, jedenfalls fing er an zu weinen und auf die Knie zu fallen, und das hätte er nicht machen dürfen, denn ihr neuer Freund half ihm auf, klopfte ihm auf die Schultern, sie ging schon einmal raus, und da schlug er diesem neuen Vollidioten – er sah wirklich nicht gescheit aus, ein männliches Püppchen, ich mag solche Leute ja überhaupt nicht – also er schlug diesem Idioten direkt ins Gesicht, er schlug ihm einen Teil des rechten oberen Schneidezahns heraus, zum Glück gab es kein Blut. Der Typ torkelte hinaus, er selbst setzte sich da hin, dort hinten ans Ende des Tresens, und als er mich ansah und eine Cola bestellte, nur eine einzige Cola, nichts anderes, sah er mich an, und ich schwöre Ihnen: Er hatte hinter der Iris nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnte.

Oh, er geht jede Nacht um Punkt 23 Uhr rüber zu seinem Auto, steigt stocknüchtern ein und fährt weg, bis zum nächsten Abend um 18 Uhr, wo er dann dort drüben seinen schwarzen Kombi wieder parkt. Er scheint immer Glück zu haben, wenn er kommt, ist der Parkplatz immer frei, dann setzt er sich dort hinten hin, wie gesagt, ans Tresenende, und er braucht gar nichts mehr zu sagen: Wenn er sich setzt, habe ich ihm seine Cola schon hingestellt, er muss nur noch trinken. Und dann trinkt er und sitzt da und schweigt und grüßt hin und wieder einen, den er hier kennt. Das treibt er hier, nicht mehr und nicht weniger. Hm, naja, nur vorgestern, da hat er nach langer Zeit wieder angefangen zu weinen, seine Hände angeschaut, sie wild zu kneten begonnen und dabei fast sein Mineralwasser umgekippt.

Ich glaube, es geht ihm gar nicht gut, obwohl er immer tiptop gepflegt ist, mehr als einen Dreitagebart und ab und zu diese haarigen Pogopuschel um die Ohren trägt er nie mit sich herum, darauf scheint er zu achten, oder er muss so aussehen wegen seiner Arbeit, vielleicht ist er ja wirklich Vertreter, ich habe ihn nie dazu befragt. Aber, und bitte erzählen Sie es nicht weiter, in den letzten Tagen sind die Falten und Furchen in seinem Gesichter noch tiefer geworden, und seine Augen scheint es mitunter gar nicht mehr zu geben. Dieser Mann, den Sie jung nannten, ist weitaus älter, als ihm gut tut. Ich habe mehrmals versucht, ihm nahezulegen, mal zum Hausarzt zu gehen oder so, natürlich mit allem nötigen Respekt und ganz vorsichtig. Aber solange er hier nicht zu trinken anfängt, also richtig zu trinken, verstehen Sie, brauche ich mir doch keine Sorgen zu machen, oder?

Zahlen wollen Sie? Aber sicher. Was haben wir hier: zwei kleine Guinness und einen Espresso. Macht ganz genau zehn fünfzig. – Oh, aber recht herzlichen Dank sage ich da. Hier, vergessen Sie ihren Schreibblock nicht. Schönen Abend, und passen Sie auf sich auf, heute Nacht soll es ganz besonders schütten, da!, sehen Sie, es fängt gerade an, was für eine Sauerei, und die Landstraßen sind bei diesem Wetter lebensgefährlich, sage ich Ihnen. Aber Sie nehmen ohnehin ein Taxi, beim Taxistand am Bahnhof, nicht? Sehr gut, nur zu loben. Da, und einen Schirm haben Sie auch, dann kann ja nix mehr schief gehen, wie? Beehren Sie uns bald wieder! Gute Nacht.

© Simon-Christian Karuhn 2020

14: unbeseh’n

Anstatt mich zu fragen, wie ich hierher kam, mache ich es mir auf meinem Sitz bequem.

Die Lichter dimmen ab.

Der Vorhang hebt sich.

Jemand zeigt einer zweiten Person etwas für die/das/den Erste*n Neues.

„Guck mal.“

„Kenn ich schon.“

Unhöflich, vielleicht, zumindest ein bisschen, fließkontextabhängig, aber bislang ist nichts in dieser gemachten Szene nichts vorgefallen.

Es ist, wie soll es anders sein, ein unendlich wiederholtes, wiederkehrendes Element in der alltäglichen Kommunikation zwischen Mensch und Mensch.

Doch der Dialog ist inzwischen längst weiter, zu weit, um noch heraushören zu können, worum es bislang ging, denn die Protagonist*innen schweigen sich an.

Die Stille indes ist redselig, klar zeigt sie an, welch Missverhältnis herrscht.

Eine Minute verstreicht.

Noch eine.

Dann eine weitere, gefolgt von ernüchternd zahlreichen Duplikaten, in denen außer genanntem Schweigen, hinter dem das Eigentliche kauert, nichts geschieht, bis man am liebsten aufstehen, das Laienstück vorzeitig verlassen ins Auge fasst.

Wie lange soll das noch so weitergehen?

Zum Glück war der Eintritt frei.

Das heißt:

Verfolgt außer mir zusätzliches Publikum diesen Programmkinobeitrag?

Immerhin ist das Schauspiel umsonst, da verirren sich Lustige jedweder Couleur gern in Häuser, über die sonst ein und dieselbe Nase gerümpft wird.

Allerdings ist es ein einziger, nahezu leerer Raum, der sich zu allen Seiten erstreckt, nur eine weitere Person sitzt, abgewandt, in nächster Nähe.

Komisch.

Wo ist die Theatertruppe hin?

Ist schon Pause?

Empfohlene Distanz kann allzu einfach übertrieben werden.

Alles einerlei, ich muss mal, dringendst.

Kaum eine Minute später, ich weiß nicht wie, sitze ich verklappend und stützt, Ellbogen auf Knie, abwartend, schmallidrig grübelnd, und schweife ab.

Ist es möglich, unbesehen Dinge zu mögen, die zum Anschauen gedacht sind?

Theaterstücke, zum Beispiel, die muss man gesehen haben, um zu wissen, ob diese gut für einen sind.

Eigentlich.

Selbstverfreilich gibt es nämlich Subjektive, die kritiklos ein Stück zu feiern in der Lage sind, weil ihnen zu Ohren gekommen war, dass besagtes Spiel eines sei, das unbedingt gesehen werden müsse.

Das ist gleichermaßen bequem wie anklingend töricht.

Empfehlungen für Gelungenes, das ist die eine Sache, sich zu Bedenkendes ohne jederlei Gegenprüfung unkritisch übernehmen eine andere.

Mehr als eine Handvoll zimmern sich auf diese Weise ein merkwürdig verwinkeltes Versatzstück namens Weltbild zusammen.

Woher ich die Gewissheit nehme, dass es tagtäglich tatsächlich so passiert?

Für einige Jahre, die in Wirklichkeit Jahrzehnte waren, versuchte ich das dilettantische Werk als Professionelle verkannter Amateure nachzuahmen, erfolgreich fabrizierende Wohlhabende fernab sonstigen Talents.

Zum Glück sehe ich, wenngleich dem Großteil nach wie vor unverstanden gegenüberstehend, heute geringfügig klarer.

Und damit meine ich nicht nur dieses ganze Theater.

Was für Bühnenkunst gilt, lässt sich verlustarm auf sämtliche Felder anwenden, die den optischen Sinn voraussetzen.

Bilder müssen zuerst betrachtet, Filme zunächst verfolgt, Romane wie Sachbücher wenigstens einmal durch Selbstlesen rezensiert werden.

Erst dann bilden sich informierte Meinungen heraus.

Subjektiv sind sie, zugegeben.

Einen Anspruch auf unverrückbare Richtigkeit haben sie auch nicht.

Offen gesprochen kann selbst nach intensiver ausgeprägter Privatbildung vieles schief gehen, missverstanden werden, rätselhaft bleiben.

Jetzt kommt das Aber:

Aber ich weiß dann, müsste zumindest wissen, wovon in spreche.

Was wiederum mit gewisser, für gewöhnlich Vorsicht mit sich bringender Verantwortung einhergeht.

Wie ging dieser Spruch über das überkommene Verhalten eines Gentleman noch gleich?

Kenner wissen, was gemeint ist, also genug davon.

Ich ziehe auf (die Spülung), hoch (die Hosen) und nach der ritualisierten Handwaschung ab (Richtung Darbietung).

Mal sehen, ob sich was verändert hat, jemand hinzugekommen ist.

Noch bevor ich es mir eventuell anders überlegen könnte, stehe oder vielmehr sitze ich dort, wo es begonnen hat, zwischen den verwaisten Stühlen, von allen Bühnengeistern verlassen.

War das Licht vorhin schon so grell heizend?

Wenn es Sitznachbarn gäbe, spätestens jetzt könnte man sie nicht erkennen, entweder aufgrund meiner zusammengekniffener Augen oder weil jeder*r Anwesende*r hier zischend im Ganzen verglühte.

Es ist nicht länger angenehmen, sich hier aufzuhalten.

So unauffällig wie möglich richte ich das Gesicht links aus, dann rechts.

Moment mal …

Stühle, Vorhänge, brütend heiße Lichter, ja die gibt es hier.

Nur ist ihre Anordnung befremdlich verrückt, als ob – kann das sein?

Wie sind die Böden unterhalb der Bestuhlung: Teppich? Bretter?

Plötzlich erlischt sämtliche Beleuchtung, beschleunigt zu Boden rauschender schwerer Stoff ist zu hören, wie auch sich dahinter öffenende Türen, eisiger Zug lässt mich sämtliche Hitze vergessen, die Kopfhaut wird Gänsehaut, Stille flutet die Architektur.

Aus formlosem Schwarz beweht gefrierendes Säuseln das überspannte Gehör:

„S. …!“

Bislang blieb ich sitzen, dieses Wispern jedoch schreckt meinen aufgestörten Körper hoch, er droht jeden Moment irgendwo hinein zu kippen.

Rudernde Arme suchen den unsicheren Stand auszutarieren.

Irgendwann stehe ich leidlich firm, unverändert angespannt, lausche in gestirnlose Finsternis.

Zyklisches Zittern ist zu vernehmen, Bewegungen unter meinen Schuhen.

Bitte was?

Es pocht jenseits der Bretter.

Aufdringliches, zugleich undeutlich geläufiges Pulsen.

Woher kenne ich das?

Und warum beunruhigt mich dies mehr als das Geschehen unmittelbar um mich herum?

Was ich hier soll, wie ich hierhin geraten bin – ich weiß es immer noch nicht.

Die Fragen häufen sich, kein gutes Zeichen.

„S. …!“

Das klingt schon sehr viel näher.

Flüchten, aber wohin?

Ohne Wissen um das richtige Ziel verkommt jede Tat zur Verzweiflung.

Eine weitere Stimme setzt ein, nicht von außen, mit erstem Wort unnachgiebig einhüllend:

„Bleib hier! Wohin sonst?“

Traut ist sie, denn vertraut habe ich ihr, blindlings, viel zu sehr, oh allzu lang.

Dass gerade diese Weise erwacht, müsste mich alarmieren.

Allerdings bin ich bereits starr, blutleer zu nichts, nirgendwo hin zu bewegen.

Zu spät.

„S. …!“

Das Zischen dicht bei mir macht mich neuerlich handlungsfähig; es hat auch seinen Schrecken verloren.

Ich öffne ohne Lidschlag meine Augen und sehe, wie die weitaus bessere Hälfte mich nachsichtig anblickt.

Wie sitzen einander gegenüber, zusammen.

„Du hast wieder nicht reagiert.“

Shit.

„‘schuldigung.“

„Schon gut.“

Ich habe sie nie verdient.

Und doch bleibt sie, selbst wenn ich es nicht vermag, bei mir.

Wie heißt das?

Sie streicht mit ihrer Rechten über die linke Schulter, die Schulter gehört mir, wendet sich wieder ihrem Buch zu.

Entweder ist es Christie, in der letzten Zeit, oder Dickens, Balzac, oder doch wieder Christie.

Wenn wir nicht zufällig auf weitere große, großartige, russische Schriftsteller stoßen.

 „Ich hab‘ dir was über WhatsApp geschickt“ sagt sie, als wäre nichts gewesen.

Es reicht, dass wir beide es für immer wissen.

Es ist ein lächelnd machendes, mir bekanntes Video.

„Ja, das ist echt lustig“ sage ich, weil es stimmt. Beim ersten Mal ansehen hatte ich mich wirklich minutenlang weggeschmissen.

Sie lacht mit, erzählt mir noch etwas, und ich versuche zuzuhören.

Wenn du etwas meinst, sage es.

Das hält zusammen, trotz allem, lässt mich atmen, möglichst diesen nah, denen ich viel bedeute.

Gerade wenn du erneut zu schnell zu weit willst.

© Simon-Christian Karuhn 2020